Abschlussbericht

Mittwoch
03
Oktober

Der letzte Diskussionstag: Zwei Abschlussstatements

Zwei groß angelegte Zusammenfassungen prägen den letzten Tag. Zivilarena-Projektleiter Andreas Schulten bringt drei Thesen ein, die alle Fäden der Diskussion aufnehmen wollen:

»1. Fein granulierte Strukturen sind wegen ihrer besseren Wandlungsfähigkeit sowohl ökonomischer (Bauträger) als auch humanistischer (Stadtplaner) - sie sind allerdings meist spürbar teurer in der Erstellung. Unter anderem lassen sich keine wirtschaftlichen Skaleneffekte erzielen. Das heißt: Der Mut zu mehr Mischung besteht hier vor allem in dem Mut, mehr für diese Qualität zu bezahlen und eine Ausgrenzung von Menschen mit geringem Einkommen stillschweigend zu billigen - ähnlich wie beim Konsum von Bio-Fleisch.

2. Eine pluralistische und dynamische Gesellschaft muss experimentieren - mit hohen Risiken, Konflikten und Perspektive auf Genie oder Scheitern. Deutsche Städte wären ohne Industrie, Autobahnen und IKEA nicht das, was sie sind. Das heißt: Der Mut zu mehr Mischung besteht hier vor allem in dem Mut, Freiräume (im wörtlichen Sinne) jenseits der sozialen Mitte zu unterstützen, die industrielle Formate erlauben - ähnlich wie bei Volkswagen und easyjet.

3. In diesem räumlichen Spannungsfeld zwischen: a) Nachhaltiger Qualität b) Innovations-Qualität sind die Nutzungstypen der aktuellen deutschen BauNVO tatsächlich sehr weitreichend und konventionell antizipierend strukturiert. Zumindest das Denkmodell einer bipolaren Typisierung von Bauflächen (Wohnen und Schutz hier vs. Industrie und Aufbruch dort, mit einer schrittweisen Lärm- und Belastungsskalierung) könnte den gesellschaftlichen Entwicklungen in deutschen Städten gerechter werden und ein Konsens-Gefühl von der guten Mischung spürbar werden lassen.«

Phillipe Cabane steuert gegen und ergänzt: »Die drei Thesen sind meines Erachtens zu einseitig auf die Favorisierung der industriellen, besser globalen Formate gerichtet. Ich habe nichts gegen globale Formate. Sie sind wichtig und nötig und ein klarer Teil der globalen Entwicklung. Nur werden die Städte gerade durch die globalen Formate entmischt und unspezifisch. Verdrängt werden die kleinen, lokalen und spezifischen Angebote, die paradoxerweise diejenigen Qualitäten etablieren, von denen die Immobiilenvermarktung ja schwärmt. Es braucht m.E. eine Durchmischung oder eine Körnung der Sadt in mindestens diesen beiden Formaten. Mut zur Durchmischung heisst demnach, dass wir zwei Massstäben zu spielen lernen müssen … Ich meine, dass die Lösung in der Bodenpolitik liegt, indem man zwei parallele, aber jeweils sehr freie Märkte etabliert und räumlich miteinander durchmischt. Der Markt der grossen Investoren und der Markt von selbst genutztem Eigentum oder eigentumsähnlichen Formen. Die kleiteiligen Angebote zeichnen sich durch spezfische und persönliche Aneignungsformen aus. Hier findet Diversifizierung statt. Die grossen Märkte sind für die quantitative Abdeckung von Raumbedürfnissen zu finanziell tragbaren Konditionen mit möglichst hoher Qualität zuständig.«

Dienstag
02
Oktober

Die Diskussion am vorletzten Tag

Rolf Hüttmann mahnt, ehemalige gewachsene (durchmischte) Strukturen nicht als das Maß aller Dinge zu glorifizieren. Städte entwickelten sich und die baulichen Konzepte müssten daran angepasst werden. Bezüglich der diskutierten Deregulierung des Baurechts und des Immmisionsschutzes ist er der Auffassung, dass man die jetzigen Regelungen nicht pauschal entwerten und auch als ein Resultat der Forderungen von Anwohnern betrachten sollte. Wolfi wendet ein: »Man kann eine Stadt auch so zu Tode regulieren. Stadtleben sollte nicht den Anspruch erheben durch und durch gesund zu sein. Dafür gibt es das Landleben.« Urs Kohlbrenner schlägt vor, den Öffentlichen Raum als ein dauerhaftes Gerüst zu betrachten, das erhebliche bauliche und nutzungsstrukturelle Veränderungen aufnehmen kann: »Seien wir uns bewusst, dass das was wir zum Zeitpunkt der Erstellung für 'Richtig' halten eine Momentaufnahme ist. Die Erfahrung zeigt dass Stadt ein Prozess ist, der sich nur bedingt voraussagen lässt.«

Muss Quartiersentwicklung mit dem Markt oder manchmal auch gegen ihn gehen? Damit setzen sich Anja Batke und Kay de Cassan auseinander. »Bei den Überlegungen zur Verdrängung der gewerblichen Nutzungen sollten wir uns nicht nur auf die Miethöhe konzentrieren: auch die veränderten Unternehmensgrößen führen dazu, dass es den typischen Handwerksbetrieb im Hinterhof eben nicht mehr gibt«, so de Cassan. Anja Batke hält dagegen: »Wenn man sich als Kommune hartleibig gibt und konsequent verhandelt, staunt man, was am Ende dann doch alles wirtschaftlich betrieben werden kann. Natürlich ist es einfacher und profitabler, eine 2000qm-Bude mit 150 Parkplätzen an den Ortsrand zu stellen, aber wenn es sein muss, funktioniert auf einmal auch die Erdgeschossnutzung und eine geringere Stellplatzanzahl.« De Cassan sieht hier nur eine sehr eingeschränkten Einfuss der Kommune: »Die Kommune kann durch Einzelhandels- oder Zentrenkonzepte steuern, aber man kann nur etwas steuern, was sich auch bewegt.« Rolf Hüttmann sieht den Hauptansatzpunkt darin, Gewerbeansiedlung unkompliziert zu gestalten: »Markt und Wirtschaft haben immer ein Interesse dorthin zu gehen, wo die Kunden bzw. die Arbeitskräfte sind, es sei denn, Produktion und/oder Absatz werden beeinträchtigt« durch Erreichbarkeit, Beschränkung der Produktion oder unmäßigen Investitionsbedarf. Sebastian Wilkes schlägt eine Art 'Quartierssteuer' vor, mit der ein Anteil der Miete von erwünschtem Kleingewerbe auf Filialisten umgelegt wird, die von einem attraktiven Viertel profitieren.

Günter Baasner weist auf das vehemente Ungleichgewicht von Arbeitsplätzen und Anwohnern in den Metropolen hin: »Die Stadt Frankfurt müsste müsste fast doppelt so viele Einwohner haben um zu einem ausgeglichenen Verhältnis zu kommen.« Wilhelm Bauer findet es widersinnig, Leben und Arbeiten so stark zu trennen, wie dies gegenwärtig oft der Fall ist. Die Zukunft weise hier in eine andere Richtung: »In Zukunft werden Produktionen wieder integrierter, Maschinen und Anlagen mit Sensoren zu Cyber-Physical-Systems werden, emmissionsarm …, ohne Lärm, ohne Schadstoffausstoß, ohne Wasserverschutzung.« Kurze Wege seien DAS Credo für die Zukunft, und urbane Produktion werde sie möglich machen. Günter Baasner hält das Szenario, Sportschuhe oder Smartphones in der Nachbarschaft für die Nachbarschaft zu produzieren, für wenig realistisch. »Und wo kommen die Lebensmittel her?« Moderator Timo Meisel weist auf die Keime urbaner Produktion hin, die sich zu Bewegungen mausern: FabLabs und Urban Gardening. »…das gute alte "Weiter So" geht mit Sicherheit auch nicht gut aus. Es braucht eine Kombination von Top Down und Bottom Up auf der Ebene der Gesellschaftsorganisation.«

Dienstag
02
Oktober

Der Fachbeirat zum Thema: Kindheit und Zukunft

Wirtschaftsförderung
Kay de Cassan
Fachbereich Wirtschaft der Stadt Hannover

»Es bleibt spannend, ob sich die Wissensgesellschaft so weiter entwickelt, dass sie auch dauerhafte, neue Bedarfe und Formen der Stadtentwicklung hervorbringt. Bisher sind die immobilienwirtschaftlichen Auswirkungen noch nicht eindeutig festzustellen.«

Städtebau
Prof. Dr. Maren Harnack
FH Frankfurt a.M., Städtebau

»Der Umgang mit Kindern und Jugendlichen ist ein Indikator dafür, ob die Gesellschaft insgesamt Verantwortung für die Zukunft übernimmt. Kinder und Jugendliche brauchen Aufmerksamkeit und Investitionen, aber auch ein hohes Maß an Toleranz.«

Baurecht
Dr. Sigrid Wienhues
Graf von Westphalen, Öffentliches Baurecht

»Die Modelle für Familie und die Modelle der Kinderbetreuung innerhalb einer Familie ändern sich. Daraus ergeben sich Anforderungen für neue Wohnformen und an die Mobilität für die gesamte Familie.«

Arbeitswissenschaft
Prof. Dr. Wilhelm Bauer
Fraunhofer IAO

»Nicht nur wissensintensive Tätigkeit, auch moderne Produktionsarbeit wird wieder in die Städte zurückkommen. Je mehr Produktion smart vernetzt, schadstofffrei, leise und elektromobil organisiert wird, desto näher kommt sie an den Ort des Bedarfs.«

Soziologie
Philippe Cabane
Stadtplaner und Soziologe

»Kinder haben überschüssige Energie. In städtischen Kontexten fehlt es an Toleranz (Lärm) und Freiraum (Sicherheit) für Kinder. Die Verordnung von Pychopharmaka als Kompensation kann keine Lösung sein. Es braucht reale und mentale Freiräume für Kinder.«

Architektur
Dr. Michael Denkel
Albert Speer & Partner

»Neue Arbeitsformen verbessern die Verträglichkeit von Wohnen und Arbeiten. Die Versportlichung erfordert größere Nähe zwischen Sportanlage, Arbeitsort und Wohnung, Versinnlichung des Einkaufserlebnisses bietet Chancen für kleine Geschäfte. -> Wandel«

Projektmanagement
Prof. Phillip Goltermann
Drees & Sommer

»Das Quartier von Morgen soll alle Anforderungen an Stadt erfüllen; räumlich, baulich, funktional, sozial. Aber: Innovation bedarf kreativer Teilräume, in deren Andersartigkeit differenziert; unterschiedliche Profile von Quartier und Dichte.«

Verkehrsplanung
Dr. Rolf Hüttmann
Masuch + Olbrisch

»In der Kindheit werden die Wurzeln entwickelt, die für die Zukunft eine gute soziale Entwicklung in der Gemeinschaft ermöglichen und den gemeinschaftsschädlichen Egoismus begrenzen. Ein urbanes Umfeld mit Bildungsangebot ist dafür guter Nährboden.«

Öffentliche Verwaltung
Reiner Nagel
Senatsverwaltung Berlin, Stadtplanung

»Kindheit ist auch das entschwundene Land nicht fertig gebauter Orte, von Stadtwildnis und Brüchen in der Stadt. Nutzungsmischungen müssen deshalb das Unfertige mitdenken als Strukturen für heutige Kindheiten und zukünftige Entwicklungschancen.«

Immobilienwirtschaft
Dr. Markus Vogel
Büro Dr. Vogel

»Menschen entwickeln sich und gerade gemischt genutzte Quartiere können sich mit entwickeln ohne Identität zu verlieren. Ein Quartier ist wie ein Kind, das sich erst durch gute Erziehung, Pflege, Hilfe und Veränderung für die Zukunft fit macht. -> These«

Montag
01
Oktober

Der Fachbeirat zum Thema: Lebendigkeit und Erholung

Wirtschaftsförderung
Kay de Cassan
Fachbereich Wirtschaft der Stadt Hannover

»Dem öffentlichen Raum kommt besondere Bedeutung zu. Konkurrierende Nutzungen führen schnell zu Konflikten: Bettler, Trinker oder Punker mit großen Hunden gehören zweifellos zur städtischen Gesellschaft, werden aber als störend empfunden.«

Städtebau
Prof. Dr. Maren Harnack
FH Frankfurt a.M., Städtebau

»Versorgung im Nahbereich entlastet nicht nur die Umwelt, sondern garantiert auch ein lebendiges Miteinander. Erholungsmöglichkeiten steigern nicht nur lokal die Lebensqualität, sondern vermindern den Freizeitverkehr und wirken über das Quartier hinaus.«

Baurecht
Dr. Sigrid Wienhues
Graf von Westphalen, Öffentliches Baurecht

»…ebenso kann die Belebung des öffentlichen Raums etwa durch (Außen-)Gastronomie das Ruhebedürfnis von Anwohnern beeinträchtigen; unattraktive Gastronomieöffnungszeiten führen aber dazu, dass das Gastronomieangebot bald eingeschränkt ist. ...«

Arbeitswissenschaft
Prof. Dr. Wilhelm Bauer
Fraunhofer IAO

»Das städtische Leben wird vielfältiger, bunter und agiler. Monostrukturelle Systeme weichen vielfältigen Multispace-Systemen. Lebens- und Arbeitsräume vermischen sich, kommen sich näher und werden kurzzyklischer abwechselnd genutzt.«

Soziologie
Philippe Cabane
Stadtplaner und Soziologe

»Jeder Mensch macht Lärm, sei es als Automobilist, während der Arbeit oder in der Freizeit. Der Mensch hat nicht nur ein Recht auf Ruhe, sondern auch ein Recht auf Lärm. Es muss Toleranz auch von den Ruhebedürftigen eingefordert werden können.«

Architektur
Dr. Michael Denkel
Albert Speer & Partner

»Nicht nur Ruhe und gestalterische Qualität, auch lebendige Urbanität erhöhen die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum. Vielfältiges städtisches Treiben könnte künftig beliebter werden als ausgeglichene, ruhige Einfamilienhausmonokulturen.«

Projektmanagement
Prof. Phillip Goltermann
Drees & Sommer

»Das nachhaltigen Umweltbewusstsein steht im Vordergrund. Positive Effekte zur gemeinschaftlichen Energieversorgung im smartgrid gekoppelt mit neuen Antriebsformen der Mobilität sind die Basis, um Dichte auch technisch verantworten zu können.«

Verkehrsplanung
Dr. Rolf Hüttmann
Masuch + Olbrisch

»Lebendigkeit sollte nicht zwangsläufig mit Lärm verknüpft werden, dann kommt auch die Erholung zu ihrem Recht.«

Öffentliche Verwaltung
Reiner Nagel
Senatsverwaltung Berlin, Stadtplanung

»Ja das willste: vorne den Ku’damm und hinten die Ostsee... Tatsächlich beschreitet aber der Stadtbewohner gegen den Musik-Club, den Spätverkauf und die Kita in der Nachbarschaft den Rechtsweg. BauGB, BauNVO, BImSchG und GIRL sind auf seiner Seite.«

Immobilienwirtschaft
Dr. Markus Vogel
Büro Dr. Vogel

»Gemischt genutzte Quartiere bieten die Chance auf ein Miteinander der Generationen, der Lebensstile und der Aktivitäten. Mitmachen ohne Einladung, spontanes Begegnen im Kiez, Dabeisein ohne Ausweis: Qualitäten eines lebendigen Tages im Quartier...«

Montag
01
Oktober

Die Diskussion, Tage 18 bis 20

Elmar Schütz von der Aurelis fragt nach klaren, gesetzlich verankerten Orientierungslinien für ein gemischtes Bauen. In Deutschland stünden das komplizierte Planungsrecht und vor allem die starren Gebietstypen der BauNVO oft im Weg und unterstützten die gegebene Tendenz zur Entmischung. In der Schweiz dagegen agiere man großzügiger und unterscheide nur zwischen Industriezonen und Wohnzonen. In den ersteren darf es stinken und krachen, in den zweiten wird unter anderem gewohnt. »Der Mischungsgrad wird eher über die Dichte (Geschosszahl und Geschossflächenzahl) gesteuert. Zusätzlich geben Lärmempfindlichkeitsstufen (I-III) Auskunft über das Lärmniveau für die Wohnbevölkerung.« Er richtet an Phillipe Cabane die Frage, ob das Bauen in der Schweiz auch in der Praxis leichter sei?

Cabane antwortet, dass die Schweiz mit denselben Entmischungstendenzen kämpfe wie Deutschland – trotz einer flexibleren Gesetzeslage und der im Dialog geübten politischen Kultur. Der aktuelle Trend zur Stadt ziehe überdies Menschen an, »die mental in die Agglomeration gehören … es besteht ein Trend, dass die Städte kaputtgewohnt werden«. Zusätzlich sei – wie für das Wohnen – auch für das Gewerbe die Preisentwicklung ein zentraler Verdrängungsfaktor, der politischer Aufmerksamkeit bedürfe: »Ich glaube, dass der in den vergangenen Jahrzehnten gemachte Fokus auf Wohnen in der Stadt verlassen werden sollte. Politik und Wirtschaft sind angehalten, sich mehr der Situation des Kleingewerbes zu widmen« – wenn man mehr Mischung will. In der Praxis gebe es hier selbstverständlich zahlreiche Hürden. Vor allem Privateigentümer nähmen »zum Teil lieber Leerstände in Kauf … als die Mieten zu senken«. Dennoch avisiert Cabane die »Steuerung der Angebotsstruktur durch ein kooperatives Erdgeschossmanagement« gekoppelt mit einem Mietzinsmodell, »wo die Mieten für diejenigen Betriebe gesenkt werden, die dem Quartier auch eine persönliche Ausstrahlung verleihen«.

Auch Andreas Schulten zweifelt daran, dass allein ein vereinfachtes Planungsrecht der Schlüssel für mehr städtische Mischung ist: »Ein simpleres Planungsrecht (weniger Gesetz, mehr Rechtsprechung) … setzt eines voraus: Eine intakte, gut funktionierende kommunale Selbstverwaltung und zwar im Verbund mit den Nachbarkommunen - und dazu gehört eine große Portion Partizipation der Bürger! Auf welcher Ebene sonst handeln wir Mischungsverhältnisse und Lärmzonen aus?« »Partizipation als Kompensation oder zwingende Folge verloren gehender örtlicher Bindung ist eine interessante Perspektive,« nimmt Elmar Schütz den Faden auf. Er stellt klar, dass es ihm bei seinem Vorstoß vor allem um eine Klärung der Gesetzeslage geht und um die Möglichkeit, diese bei Bedarf der gesellschaftlichen Entwicklung anzupassen. »Und im Konkreten will ich darauf hinaus … dass das Mischgebiet auch der bewussten Realisierung von (innerstädtischer) Nutzungsmischung dient … oder eine neue Gebietsart in die Baunutzungsverordnung [eingeführt wird], die genau das zum Ziel hat.« Fachbeiratsmitglied Wilhelm Bauer fasst zusammen und fordert mehr regionale und lokale Spielräume, darin mehr Partizipation und mehr Mut zu offenen Prozessen: »Planungsrecht muss elastischer werden, die Zeiten sind es auch!«

Sonntag
30
September

»… und ich kann das alles gebündelt an einem Tag unterbringen«

Zivilarena hat gefragt: Wie lange befinden Sie sich schon hier am Standort? Warum sind Sie hier: Eher wegen Ihrer Kunden oder Ihrer Mitarbeiter? Was sind die Vorteile, was die Nachteile der Nutzungsmischung an Ihrem Standort? Was würden Sie gerne ändern? Berliner Unternehmer haben geantwortet: In Schöneberg, Prenzlauer Berg und in Mitte. Für Alle ist das urbane Ambiente ein ausschlaggebender Faktor. Die Nähe von Arbeiten und Wohnen ist nur dann ein Kriterium, wenn es den Lebensentwurf unmittelbar betrifft: Zum Beispiel bei jungen Familien, die Leben und Arbeiten besser integrieren möchten. Interessant: Steigende Mieten gefährden oft genau das urbane Ambiente, das von Gewerbetreibenden als Standortfaktor gesucht wird: Kleine Gastronomien, unkomplizierter Einzelhandel, Great Good Places.

Samstag
29
September

Die Diskussion, Tage 14 bis 17

Anja Batke bringt das Thema Verkehrsplanung auf die Tagesordnung: Wenn ein Ort städtische Qualitäten entwickeln soll, muss er gut erreichbar sein, damit verschiedene Menschen ihn auf unterschiedlichen Wegen aufsuchen. Wichtig sei hier das Zusammentreffen von Schnell und Langsam. »Ein Knotenpunkt zwischen Flugverkehr, Hochgeschwindigkeitszug und Autobahn kann niemals eine 'City' hervorbringen, die die Bezeichnung verdient.« Verkehr ermöglicht also erst Urbanität, Verkehr kann aber auch Urbanität komplett zerstören. Urs Kohlbrenner findet, dass man das Thema Verkehr planerisch von der Seite der langsamen Verkehrsteilnehmer aus angehen müsse: Der mobile Individualverkehr fordere unmäßigen Tribut vom städtischen Leben, selbst in der Ruhe müssten Stellplätze und Parkhäuser bereitgestellt werden. Maren Harnack gibt zu Bedenken, dass auch der Öffentliche Verkehr oft unerwünschte Nebenwirkungen wie Flächenzerschneidung und Lärm habe. Sie stellt die Frage, wie viel Mobilität eine attraktive Stadt und Umwelt überhaupt verträgt, bis sie in »Zonen mit hochwertigem öffentlich Raum und solche, in denen man sich lieber gar nicht aufhalten will« zerfällt.

Koschny spricht die hohe Stadtentwicklungsdynamik z.B. in asiatischen Ländern an, die eindeutig in Richtung Monostrukturen ausgerichtet sei. Die europäischen Länder leisteten es es sich, behutsam und 'gemischt' zu planen. Dies sei ein Phänomen, das so nur in gesättigten Märkten auftreten könne und nur so lange, wie der Schuldenstand es erlaubt. Daher gelte es, Mischung als politisches Ziel schnell und nachhaltig gesetzgeberisch zu verankern. Andreas Schulten weist darauf hin, dass Europa in großindustriellen Prozessen selten mit den BRIC-Staaten sinnvoll konkurrieren könne und es daher beinahe geboten sei, sich in städtebaulichen Fragen einen »Manufaktur-Stil« zu leisten - für die Bedürfnisse einer schrumpfenden, alternden Bevölkerung in Wohnen UND Arbeiten. Koschny betont, dass die europäischen Großstädte durchaus im Wachstum begriffen seien und dass es wohl auch vorwiegend hier Ansätze zu Mischnutzung geben werde. Ein anderes Bild böten die verschuldeten, schrumpfenden Kommunen in deutschen Mittel- und Kleinstädten, die weder über die Mittel noch über die Motivation und auch nicht über die Ideen verfügten, ihrer Situation zu begegnen. Anja Batke wendet ein, dass ein gutes Budget noch lange kein zwingender Motor für eine intelligente Stadtenwicklungspolitik sei: »Dass mit Wachstum und Budget automatisch mehr Motivation oder fachliche Versiertheit der Akteure einhergehen, erschließt sich mir nicht im Geringsten, eher im Gegenteil! Ich behaupte mal, dass in schrumpfenden Regionen die Akteure eine extrem hohe Motivation haben, auch ohne besondere Ressourcen und gegen alle Widerstände etwas zu bewegen, und das Thema Mischung spielt dabei eine große Rolle.«

Fachbeiratsmitglied Sigrid Wienhues greift die Verdrängung von Gewerbebetrieben durch Wohnnutzung erneut auf. Man benötige hier klare planerische Aussagen. Gleichzeitig müsse man aber auch zur Kenntnis nehmen , dass so manches ehemalige Gewerbegebiet mittlerweile ausschließlich mit Dienstleistungsbetrieben bestückt sei. Hier stünde dann eine veraltete planerische Aussage der Zulassung von Wohnnutzung entgegen. Wolfi fordert die städtische wie bürgerliche Tugend der Toleranz ein: »Lärmhysteriker handeln egoistisch und sind nicht wirklich am Gemeinwohl interessiert. Früher haben diese Menschen vor den Toren der Stadt ihren Platz gefunden: Als Spießbürger!« Diese Spießbürger wiederum wüssten darüber hinaus die gesetzlichen Verordnungen, wie z.B. die TA Lärm, viel zu oft auf ihrer Seite. Sigrid Wienhues stimmt zu, dass die gesetzlichen Vorgaben oft einen engen Rahmen steckten. Allerdings führe selbst die vielzitierte TA Lärm nur 'Richtwerte' an und nicht etwa 'Grenzwerte'. Ihr Fazit: »Schon im Rahmen der geltenden gesetzlichen Regelungen wären größere Entscheidungs- und damit Gestaltungsspielräume gegeben, wenn individuelle und nicht schematische Bewertungen vorgenommen werden.«

Donnerstag
27
September

Der Fachbeirat zum Thema: Heimat und Arbeit

Wirtschaftsförderung
Kay de Cassan
Fachbereich Wirtschaft der Stadt Hannover

»Für hochorganisierte Familien ist wichtig, die unterschiedlichen Bedürfnisse aller Familienmitglieder erfüllen zu können. Dazu kann ein gemischt genutztes Quartier beitragen – aber auch ein gut geplantes klassisches Wohngebiet.«

Städtebau
Prof. Dr. Maren Harnack
FH Frankfurt a.M., Städtebau

»Eine sichere, unproblematische Versorgung mit Wohnraum und sozialen Einrichtungen (besonders für Familien) macht das Heimischwerden leichter und Ortswechsel weniger bedrohlich.«

Baurecht
Dr. Sigrid Wienhues
Graf von Westphalen, Öffentliches Baurecht

»Zur Sicherung von Arbeitsplätzen sind häufig Betriebsverlagerungenen und -erweiterungen erforderlich, in deren Folge Nutzungskonflikte entstehen können: Der Arbeitsplatzerhalt des einen kann die Beeinträchtigung der Wohnqualität des anderen sein.«

Arbeitswissenschaft
Prof. Dr. Wilhelm Bauer
Fraunhofer IAO

»Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird künftig noch wichtiger. Kinder- und Altenbetreuung können im urbanen Kontext besser vereinbart werden mit den beruflichen Anforderungen. Nähe ist ein Enabler für familiengerechte Lebens-Arbeits-Gestaltung.«

Soziologie
Philippe Cabane
Stadtplaner und Soziologe

»Heimat wie auch Spiritualität werden in Zukunft eine Renaissance erleben. Es wird dabei darum gehen, an einem «Heimatort» gut verankert zu sein, um sich besser gegenüber einer global vernetzten und zunehmend virtuellen Welt öffnen zu können.«

Architektur
Dr. Michael Denkel
Albert Speer & Partner

»Der Arbeitsmarkt kann künftig nicht auf gut ausgebildete, weibliche Arbeitnehmer verzichten. Doppelverdienende Paare, zumal als Eltern kleiner Kinder, brauchen zur Gewährleistung einer Lebensqualität unterschiedliche Funktionen auf engem Raum.«

Projektmanagement
Prof. Phillip Goltermann
Drees & Sommer

»Wohnen und Arbeiten fließen mehr denn je ineinander; Freizeit und Pflicht sind Schwestern des Alltags. Wir sehen Globalisierung am Arbeitsplatz und im Leben den Ruf nach Identität und Heimat; Tradition und Werte einen neuen Stellenwert.«

Verkehrsplanung
Dr. Rolf Hüttmann
Masuch + Olbrisch

»Urbane Quartiere erleichtern die Identifikation mit diesem Quartier, wobei Wohnen, Einkauf und Freizeit im Vordergrund stehen, der Arbeitsort eine hervorragende aber nicht notwendige Abrundung darstellt.«

Öffentliche Verwaltung
Reiner Nagel
Senatsverwaltung Berlin, Stadtplanung

»Nicht nur im Laptopbüro, sondern auch in klassischen Berufen vermischen sich zunehmend Lebens- und Arbeitswelten. Trotzdem benötigen Wohnen oder Arbeiten nach wie vor unterschiedliche Raumqualitäten und können Nutzungskonflikte auslösen.«

Immobilienwirtschaft
Dr. Markus Vogel
Büro Dr. Vogel

»Arbeit steht zwischen den Polen Überleben und Sinnstiftung. 'Ich arbeite so viel, dass es für mein Leben reicht und möchte darüber hinaus Sinnvolles tun.' Die Generation Y lebt dieses Modell und hat ihre Heimat an den hybriden Orten großer Städte bezogen.«

Mittwoch
26
September

Die Diskussion, Tage 8 bis 13

Urs Kohlbrenner regt an, über die richtige Körnigkeit bei der Mischnutzung zu diskutieren. Hier gebe es ja viele Möglichkeiten: Mischung von Blöcken in einem Gebiet, Mischung von Gebäuden innerhalb eines Blocks, Mischung auf einem Grundstück innerhalb eines Blocks, Mischung in einem Gebäude bis hin zur Mischung von Wohnen und Arbeiten in einer Wohnung. »Welche Mischnutzung steht für welches Konzept, wie entsteht Urbanität (und müssen alle Orte in der Stadt 'urban' sein)? Warum und wo und für wen welche Form der Mischnutzung?« Günter Baasner stellt fest, dass die Realität von Mischnutzung oft eher ein »urbanes Ambiente« ist als die tatsächliche Nähe von Wohnen und Arbeiten. »Dank ICE-Verbindung wohnen z.B. in Berlin über 500 Leute, die täglich nach Wolfsburg pendeln.« Jean-Marc Friederici fragt nach der Parzellierung als Voraussetzung des Bauens und gibt die Stichworte »Kleinteiligkeit« und »direkter Nachbarschaftsbezug« in die Diskussion. Heiko Schultz gibt zu bedenken, dass es durchaus auch eine zu feine Körnung gibt. Gerade Mittelstands-Familien fragten eher eine Körnung auf der Blockebene nach, und auch Baugruppen würden sich oft in einer solcher Granularität zusammenfinden.

Im Anschluss an Nina Brodowski kommt die Frage nach den Pionieren von Nutzungsmischung erneut auf. Andreas Schulten macht die »Einmischer« nochmals als wesentliche Akteure von Mischung aus. Es gelte, ihnen Gestaltungsspielräume zu geben, zum Beispiel in Gewerbegebieten. Anja Batke weist auf die steigenden Ansprüche einstiger Pioniere hin. Man müsse sehr darauf achten, dass die ehemaligen Antreiber nicht zu den Verhinderern von morgen werden und z.B. eine Entfaltung des Gewerbes durch überzogene Forderungen nach Ruhe und Privatsphäre einschränken. Frau Batke kann sich daher in Gewerbegebieten allenfalls temporäres Wohnen vorstellen. »Gerne innovative Formen von Arbeitsplätzen, Kultur, Freizeiteinrichtungen, aber Wohnen? Bloß nicht!« und »Das Milieu, in dem einfaches Gewerbe gedeihen kann, ist in meinen Augen genauso sensibel gegenüber Verdrängungsprozessen und ebenso schützenswert, wie das Milieu eines Kiezes oder Veedels in einem preiswerten Wohnquartier.«

Andreas Schulten führt ein ökonomisches Argument ins Feld: Viele Investoren würden den Wert gemischt genutzter Quartiere langsam erkennen, weil diese in einer weiteren zeitlichen Perspektive flexibler und damit stabiler seien. Urs Kohlbrenner fragt nach der Größenordnung der Investition: »Sie sprechen ganz allgemein von Investoren. Meinen Sie den Eigentümer einer Parzelle oder Grossinvestoren bzw. Projektentwickler? Meinen Sie innerstädtische Lagen wie Baulücken oder Konversionsflächen?« Günter Baasner legt in diesem Zusammenhang das Maß der Mischung in verschiedenen Kontexten auseinander: Im dörflichen Wohnen, in dem neue Konflikte mit alten Gewerbebetreiben entstehen, weil es eine Entwicklung zu reinen Wohnen gibt. Im städtischen Wohnen, das als gemischt wahrgenommen wird, aber in der Regel einen Gewerbeanteil von unter 5% hat - zu wenig für ein Miteinander von Arbeiten und Wohnen. Bei einer zahlenmäßigen Mischung im Verhältnis von 1:2 bis 1:3 auf Blockebene träten aber wahrscheinlich die größten städtebaulichen Probleme auf. »Die Großsiedlung Köln-Chorweiler aus den 70er Jahren erhielt eine Einkaufspassage, ein paar Verwaltungsgebäude, ein benachbartes Gewerbegebiet und - gleich um die Ecke - das Bundesamt für Verfassungsschutz. Mit dem städtebaulichen Ergebnis ist heute kaum jemand zufrieden.« Die »schlichte Formel bauliche Dichte + Funktionsmischung = Urbanität« gelte also nicht uneingeschränkt. Andreas Schulten kontrastiert Chorweiler mit der frisch errichteten Überseestadt in Bremen: »Die Frage ist aber legitim, ob die Überseestadt Bremen in 30 Jahren nicht auch das Köln-Chorweiler von heute sein könnte. Aber - es ist eben anders granuliert.«

Mittwoch
26
September

Der Fachbeirat zum Thema: Bewegung und Aufenthalt

Wirtschaftsförderung
Kay de Cassan
Fachbereich Wirtschaft der Stadt Hannover

»Da es ja leider nur selten gelingt, dass jemand im gleichen Quartier wohnt und arbeitet, bleibt auch im gemischt genutzten Quartier der Bedarf nach öffentlichen und individuellen Verkehrsmitteln – mit allen Auswirkungen für Flächenbedarf und Lärm.«

Städtebau
Prof. Dr. Maren Harnack
FH Frankfurt a.M., Städtebau

»Während im Nahbereich unstrittig ist, dass der Umweltverbund Vorrang hat, werden die Lasten aus der zunehmenden Fernmobilität als Notwendiges Übel betrachtet, das aber große Bevölkerungsgruppen und sogar ganze Kommunen stark einschränkt.«

Baurecht
Dr. Sigrid Wienhues
Graf von Westphalen, Öffentliches Baurecht

»Tatsächlich muss ein ausreichendes Parkplatzangebot geschaffen werden. Dies steht häufig im Konflikt mit der Aufenthaltsqualität in den Innenstädten. Hierzu sind gemischte Verkehrsflächen, breitere Fußgängerwege und freie Plätze zum Verweilen erforderlich...«

Arbeitswissenschaft
Prof. Dr. Wilhelm Bauer
Fraunhofer IAO

»Nicht mehr die Menschen gehen zur Arbeit, sondern die Arbeit kommt zu den Menschen. Dieser Paradigmenwechsel lässt neue Bewegungsmuster entstehen, weniger stereotype, mehr individuelle.«

Soziologie
Philippe Cabane
Stadtplaner und Soziologe

»Auch in durchmischten Quartieren werden Arbeitswege nicht abnehmen, weil die Dynamisierung und Flexibilisierung der Arbeitswelt auch eine solche der Arbeitsstandorte bringt. Dagegen herrscht beim Wohnen ein Bedürfnis nach Stabilität -> Familien.«

Architektur
Dr. Michael Denkel
Albert Speer & Partner

»Mobilität und Bewegungskultur im urbanen Lebensstil tendieren künftig zu Langsamverkehren (Fußgänger, Radfahrer, etc.) und Umweltverbund. Kurze Wege zu den Orten der täglichen Aktivitäten erleichtern den Umstieg erheblich.«

Projektmanagement
Prof. Phillip Goltermann
Drees & Sommer

»Wir erleben eine neue Definition der Mobilität. Individuell und vielfältig von jedem abrufbar, tritt der Besitzstand in den Hintergrund; das Teilen ist in und ermöglicht Flexibilität in der persönlichen Wahl des richtigen Vehikels; und das bei jung UND alt.«

Verkehrsplanung
Dr. Rolf Hüttmann
Masuch + Olbrisch

»Ein urbanes Umfeld erhöht nicht nur die Aufenthaltsqualität und minimiert Wege, sondern führt auch zu einer persönlich spürbaren Sicherheit in der Bewegung in diesem Umfeld.«

Öffentliche Verwaltung
Reiner Nagel
Senatsverwaltung Berlin, Stadtplanung

»Nutzungsmischung allein bewirkt keine Abnahme von Mobilitätsanforderungen. Allerdings kann die benachbarte Nutzung von aktivem Gewerbe und Wohnen, Kontraste und potentielle Konflikte ausgleichen.«

Immobilienwirtschaft
Dr. Markus Vogel
Büro Dr. Vogel

»Mit weniger Bewegung mehr erreichen: Das ist das Ziel. Unterstützt durch ein Quartier, in welcher die Geschwindigkeit des Fußgängers Maßstab für das tägliche Leben wird. Das gemischt genutzte Quartier macht Mobilität weniger wichtig.«

Montag
24
September

»Dass man mittendrin ist, und trotzdem ist es leise«

Zivilarena hat gefragt: Was gefällt Ihnen an ihrer Wohnanlage? Was stört Sie an Ihrem Wohnumfeld? Was würden Sie gerne ändern? Berliner Passanten haben geantwortet: Am Alexanderplatz, an der Friedrichstraße, in Friedrichshain. Alle schätzen die Buntheit und Lebendigkeit der Stadt, wollen aber auch Natur und Ruhe. Alle schätzen die gute Verkehrsanbindung in Ihrem Viertel, leiden aber unter Lärm und Verkehrsaufkommen. Alle wollen gute Einkaufsinfrastruktur und ein reiches gastronomisches Angebot – und viele können sich bald die Mieten nicht mehr leisten. Mischung zu fördern heisst wohl vor allem: widersprüchliche Bedürfnisse in bestmöglichen Einklang bringen.

Freitag
21
September

Die Diskussion, Tage 3 bis 8

Welche Bewertungsmaßstäbe werden in verschiedenen Lebensphasen und von verschiedenen Lebensstilen an Mischung angelegt? Philippe Cabane weist auf eine Studie hin, die zeigt, dass die neue Urbanität innerstädtischen Lagen vor allem von jungen Doppelverdienern nachgefragt wird. Gründen diese eine Familie, rücken sie schnell wieder in die Peripherie ab. Zivilarena-Autorin Nina Brodowski lenkt den Blick auf die Frage, welches gesellschaftliche Ziel mit Mischung eigentlich verfolgt werden soll, z.B. dass Menschen sich in Ihren Vierteln wohlfühlen und dort über verschiedene Lebensphasen hinweg bleiben. Ist Mischung dafür das richtige Rezept? Oder nur eine diffuses Idealbild wie das der "Kreativität". Eine gute Mischung zu erreichen sei nicht leicht, und Mischung vom Reissbrett sei oft genug gescheitert. Mischung müsse als ein ein gesellschaftlicher und zeitlicher Prozess der Reifung verstanden werden. Anja Batke greift diese These auf: »Der Faktor Zeit ist nötig, damit sich Nutzungen zurechtrütteln und ausdifferenzieren können und das ganze Patina und Charakter bekommt, indem die Nutzer sich die Stadt oder das Quartier zu eigen machen, es zweckentfremden und mit Leben füllen können« und ergänzt: »Die Frage 'Wie erzeugt man urbane Mischung?' lässt sich m. E. nie nur aus rein städtebaulicher … Sicht beantworten, sondern hat immer auch immobilienwirtschaftliche Aspekte und betrifft auch den Planungsprozess!« Zivilarena-Geschäftsführer Oliver Nöthen hakt ein und fragt, ob dies in der Konsequenz nicht bedeuten müsste, dass es gar nicht möglich ist, lebenswerte Neubauquartiere zu errichten, weil der Faktor Zeit immer ausserhalb des Einflusses der Planer liegt. Tatsächlich gebe es aber sehr konkrete, durchaus städtebauliche Hindernisse in Form von gesetzlichen Normen, die z.B. Straßenbreiten und andere Dimensionierungen vorgeben. Diese stünden dann wieder eigenen Ideen der Anwohner zur Umnutzung, Anpassung etc. im Weg. Im Gegensatz zu den Themen Geld, Raum und Zeit seien der Gesetzgebung hier allerdings Eingriffe möglich. Frank G. gibt zu bedenken, dass städtebauliche Dimensionierungen nicht unbedingt Garanten für urbanes Lebensgefühl sind. »Dort [am Kaiserkai in der HafenCity Hamburg] kann ich von der einen auf die andere Straßenseite spucken, habe einen Basketballplatz und Cafes und dennoch lädt es nicht zum Verweilen ein - Enge ist also nicht allein ein Qualitätsmerkmal.« Fachbeiratsmitglied Markus Vogel betrachtet den Diskussionsverlauf und sieht viele unterschiedliche Definitionen von Mischung, städtebauliche, immobilienwirtschaftliche und milieubezogene. Die Herausforderung und auch das Lernpotenzial für die Immobilienwirtschaft liege darin, diese Dimensionen zusammen zu denken, vor allem aber die Aspekte des Miteinanders im Stadtteil besser zu verstehen. Frank G. schlägt für die städtebaulichen Aspekte von Mischung die Entwicklung eines Pflichtenhefts für die Beplanung von Großflächen vor.

Fachbeiratsmitglied Michael Denkel sieht beim Ziel »soziale Stabilität einen Konflikt: Homogene Milieus böten »schwächeren Bevölkerungsgruppen und Zugewanderten Sicherheit und stabile Netzwerke« und dürften daher nicht leichtfertig gegen gemischte ausgespielt werden. Herr Denkel erneuert damit die Frage nach dem gewünschten Maß der Milieumischung, die er gern an alle gesellschaftlichen Gruppen richten möchte. Er befürchtet allerdings, dass die Diskussion in der Zivilarena wieder nur die Meinungen der jungen, leistungsstarken, ungebundenen und oft kinderlosen Stadtbewohner abbildet. »Herr Denkel, Sie sprechen ein wichtiges Thema an: Wer äußert sich denn zu Planungsthemen? Will man denn eine andere Klientel als den oft auf Krawall gebürsteten Teil der gebildeten Mittelschicht erreichen? Wenn ja, wie?« fragt Anja Batke in diesem Zusammenhang und betont, dass die planenden Instanzen dazu kaum über Werkzeuge und Methoden verfügen. Sie schlägt einen systemischen Blickwinkel vor und macht die Rolle der Kommunikation stark: »Vielleicht sollte man mal im Neubau versuchen, nicht nur die Planung, sondern die Entstehungsphase mit Fertigstellung und Erstbezug kommunikativ zu begleiten.« Außerdem sei es auf der Entscheidungsebene geboten, Feindbilder abzubauen und an einem Strang zu ziehen: »Wenn ich mich so umsehe, vermisse ich auch ein gemeinsames Bemühen um 'Baukultur'« – bei Verwaltung, Gesetzgebung, Entwicklern, Investoren und Bürgern. Auch Nina Brodowski plädiert für eine »dynamische Planung«, die den Faktor Zeit einbezieht. Sie schlägt vor, die Mittel für »Kunst am Bau« für solche Kommunikationsprozesse einzusetzen, im Sinne eines progressiven Kunstbegriffs.

Projektleiter Andreas Schulten möchte die Diskussion an ein Beispiel binden und greift dazu die »dahin siechenden Gewerbegebiete der 70er Jahre« heraus. Wie kann hier Mischnutzung erreicht werden? Ist das wünschenswert? Welche Effekte hätte eine solche Initiative? Frank G. gibt zu Bedenken, dass Gewerbe expandieren muss. Mischung könnte hier kontraproduktiv sein. Gewerbetreibende würden wahrscheinlich, weil sie der Mischung und ihren Kompromissen ausweichen müssten, in andere, wieder monofunktionelle Gewerbegebiete wechseln. Nina Brodowski sieht in der Neudurchmischung von Gewerbegebieten eine große Herausforderung und problematisiert die Vorstellung, man müsse dort einfach kreative Pioniere ansiedeln, die den Wandel in Eigeninitiative vorantreiben: »Dazu gehört zum einen eine bessere ÖPNV Anbindung, dazu gehören vielleicht innovative Formate wie Förderwettbewerbe für kleine Einzelhändler / Späti, der auch Poststelle und Lebensmittelladen umfasst, etc.« Anja Batke berichtet aus ihrem Projekt "PIG - Innenentwicklung in bestehenden Gewerbegebieten". Ein Großteil der brachliegenden Gewerbegebiete im Rhein-Main-Gebiet böten für eine Neumischung gar keinen Ansatzpunkt. In den Gebieten, in denen es Potenzial und erste Akteure gibt, kann dieses durch eine weite Auslegung der bestehenden Rechtslage gefördert werden. »Die Stadt ist für alles offen. In der Überregulierung liegt hier tatsächlich ein Hemmnis: Ein Gebiet, wie es dort im Enstehen ist, darf es laut BauNVO gar nicht geben! Grundsätzlich glaube ich, dass man mit gutem Willen und unter Ausnutzung aller Ermessenspielräume auch im Rahmen bestehender Regularien guten Städtebau machen kann, wenn man denn eine Idee hat, und dass die Städtebaumisere nicht mit Überregulierung zu entschuldigen ist. Die BauNVO ist allerdings tatsächlich in vielen Punkten ein Klotz am Bein!«

Mittwoch
19
September

Der Fachbeirat zum Thema: Gemeinschaft und Freiheit

Wirtschaftsförderung
Kay de Cassan
Fachbereich Wirtschaft der Stadt Hannover

»Freiheit von oder Freiheit zu etwas? Die Nutzungsmischung erfordert Toleranz und Flexibilität jedes einzelnen und kann deshalb auch als Einschränkung der persönlichen Freiheit wahrgenommen werden.«

Städtebau
Prof. Dr. Maren Harnack
FH Frankfurt a.M., Städtebau

»Soziale Durchmischung muss auch homogene Quartiere der Mittel- und Oberschicht umfassen. Die Aufwertung sogenannter benachteiligter Quartiere setzt jene unter Druck, die die Integrationsarbeit leisten.«

Baurecht
Dr. Sigrid Wienhues
Graf von Westphalen, Öffentliches Baurecht

»An einem konkreten Standort können die individuellen Interessen der Bewohner und Grundstückseigentümer kollidieren mit übergeordneten, allgemeinen Planungsinteressen. Hier kann es zum Konflikt kommen.«

Arbeitswissenschaft
Prof. Dr. Wilhelm Bauer
Fraunhofer IAO

»Die Art und Weise, wie wir in der Wissensgesellschaft leben und arbeiten, lässt völlig neue Formen der Work-Life-Integration entstehen. Die Möglichkeit, zu Arbeiten wo ich bin und Freizeitaktivitäten zu leben, wann ich will, generiert ganz neue Freiheiten.«

Soziologie
Philippe Cabane
Stadtplaner und Soziologe

»Gemeinschaft und Freiheit vollzieht sich im Alltag und hängt von den Möglichkeiten ab, wie weit die Quartierbewohner humanes Kapital investieren und in persönlich geprägten Kontexten austauschen können.«

Architektur
Dr. Michael Denkel
Albert Speer & Partner

»Auch fehlender Zwang zur häufigen Ortsveränderung bei der Organisation des täglichen Lebens kann als Teil der persönlichen Freiheit empfunden werden und sollte künftig mehr wertgeschätzt werden.«

Projektmanagement
Prof. Phillip Goltermann
Drees & Sommer

»Den individuellen Mehrwert von Integration im persönlichen Umfeld gilt es zu identifizieren und zu erläutern. Eine empfundene Einschränkung der persönlichen Freiheit äußert sich in Inakzeptanz und Abwehrverhalten, was dem Ziel die Basis entzieht.«

Verkehrsplanung
Dr. Rolf Hüttmann
Masuch + Olbrisch

»Die Freiheit der eigenen Entscheidung ohne Eingrenzung der Freiheit des Anderen ist ein entscheidendes Merkmal unseres Gesellschaftssystems. Die Wahlmöglichkeit über Wohnstandort und Arbeitsplatz sollte daher weiterhin gegeben sein.«

Öffentliche Verwaltung
Reiner Nagel
Senatsverwaltung Berlin, Stadtplanung

»Die räumliche Ebene erfolgreicher neuer Nutzungsmischungen ist das Quartier. Hier lassen sich durch unterschiedliche private und öffentliche Raumangebote gleichermaßen Rückzugs- und Gemeinschaftsorte entwickeln.«

Immobilienwirtschaft
Dr. Markus Vogel
Büro Dr. Vogel

»Der Nutzer und Bewohner im gemischt genutzten Quartier geht ganz menschlich immer von der vorrangigen Bedeutung seiner eigenen Interessen aus. Das führt zum Konflikt nicht auf rechtlicher Ebene sondern auf Ebene menschlichen Verhaltens.«

Dienstag
18
September

Hintergrund: A City is not a Tree

Über die Frage, warum auf dem Reissbrett geplante Städte oft die Qualitäten von historisch gewachsenen nicht erreichen, wurde bereits auf dem Höhepunkt der Funktionstrennung, in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, nachgedacht. Jane Jacobs »The Death and Life of Great American Cities« von 1961 war ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr Dichte und Mischung, das in amerikanischen Stadtplanungskreisen breit wahrgenommen wurde. 1965 veröffentlichte der Architekt und Mathematiker Christopher Alexander den Aufsatz »A City is not a Tree«, der nach den Gestaltungsprinzipien gewachsener Städte im Gegensatz zu geplanten Städten fragt. Seine Erkenntnis: Das moderne Stadtsystem verästelt sich wie ein Baum von einzelnen Funktionen aus, in denen die städtebaulichen Elemente voneinander getrennt enthalten sind. Im Gegensatz dazu funktioniert die gewachsene Stadt als Halbverband, der auf allen Ebenen Überlappungen zulässt. Dadurch können ihre Elemente immer neue, an die Lebenswirklichkeit angepasste Kombinationen eingehen. Der Halbverband bietet mehr Möglichkeiten.
Freitag
14
September

Die Diskussion in den ersten zwei Tagen

Eine einfache und zugegeben stark verkürzte Frage war die Ausgangsanregung für die Diskussion: Sind sie eher ein Typ für das »Recht auf Ruhe« oder für das »Recht auf Lärm«? Nutzungsmischung anzustreben bedeutet immer auch Konflikte zu akzeptieren und auszuhandeln. Oft wird sich dabei, wie Marie Bergmann bemerkt, zu schnell auf ein vermeintliches »Recht« berufen. Dass jede neue Lebenssituation die Wahrnehmung von Konflikten verändert und dann nach neuen Lösungen gesucht werden muss, wurde von Wanda Wieczorek und Tony J. herausgestellt. Hier kommt die Möglichkeit zur Wahl ins Spiel: Wer kann sich leisten, einfach in ein anderes Viertel zu ziehen, und für wen sind die Folgekosten eines Umzugs, seien sie sozial oder ökonomisch, unüberschaubar?

Sozial schwache Milieus stünden Veränderungen auch deshalb skeptisch gegenüber, weil sie in der Regel zu Verlierern dieser Veränderungen werden, meint Fachbeiratsmitglied Philippe Cabane. Hier müssen politische Steuerungs- und Schutzmöglichkeiten wie eine aktive Bodenpolitik, ausreichend Sozialwohnungen oder auch die Berücksichtigung der Bestandsmieten im Mietspiegel ausgeschöpft werden und greifen, betont Fachbeiratsmitglied Maren Harnack. Linnea weist darauf hin, dass an das Konfliktfeld der sozialen Durchmischung das der ethnischen Durchmischung angrenzt. Ist Nutzungsmischung eine »Brücke zur Integration in die Gesellschaft«?

Zu dieser sehr plausiblen These gibt es auch Gegenstimmen, die behaupten, soziale Netzwerke seien stärker, wenn Lebensstil und ökonomischer Status sich ähnelten (beachten Sie hierzu auch den Magazin-Artikel von Nina Brodowski). Fachbeiratsmitglied Markus Vogel kann diese Behauptung nicht nachvollziehen und stellt die Gegenfrage mit Blick auf sozial entmischte Nachbarschaften: »An welchen Standorten in den Städten Deutschlands werden denn am häufigsten für viel Geld Quartiersmanager eingesetzt? Und warum?«

Maren Harnack schränkt ein, dass eine frei gewählte Segregation neu ankommenden Migranten bei der Integration helfen kann, man Segregation in einem gewissen Rahmen zunächst einmal also gelassenen hinnehmen sollte – aber nur, wenn die aufnehmende Gesellschaft zur Integration grundsätzlich bereit ist. Anja Batke weist darauf hin, dass die zweite und dritte Einwanderergeneration die Möglichkeit zur Neuvermischung oft als sozialen Aufstieg begreift und sich nach vollzogener Lösung vor allem gegenüber ihrem Herkunftsmilieu abgrenzt. Ethnische Mischung findet also sozusagen von selbst statt, Homogenisierung ist eher ein Milieufrage und damit eine soziale Frage und: »Die Milieus der Menschen mit ausländischen Wurzeln sind ebenso vielfältig wie die der deutschen Bevölkerung.« Auch sie fordert also Gelassenheit in der Frage nach ethnischer Mischung, beobachtet aber, dass spätestens bei der Wahl einer Schule für die Kinder die Toleranz vieler Eltern aufhört. Ist unser Schulsystem eine soziale Sollbruchstelle?

Mittwoch
12
September

Der Fachbeirat zum Thema: Werden sich Gesetze und Politik ändern?

Wirtschaftsförderung
Kay de Cassan
Fachbereich Wirtschaft der Stadt Hannover

»Es wird davon abhängen, ob Bürgerinnen und Bürger nachhaltig bereit sind, offen und tolerant mit vielfältigen Nutzungen umzugehen – oder ob nach einer Phase der Euphorie doch das individuelle Schutz- und Abgrenzungsbedürfnis wächst. Die rechtlichen Bedingungen werden dem folgen.«

Städtebau
Prof. Dr. Maren Harnack
FH Frankfurt a.M., Städtebau

»Das Leitbild der Nutzungsmischung spiegelt sich bereits heute in neueren Bebauungsplänen und in der Rechtsprechung wider. Gleichwohl wird der Entmischung auf der Ebene größerer Einheiten noch immer kaum entgegengewirkt, ja sie wird nicht einmal diskutiert.«

Baurecht
Dr. Sigrid Wienhues
Graf von Westphalen, Öffentliches Baurecht

»Flexible Arbeitszeiten und flexible Familienmodelle erfordern räumliche Nähe und verkehrliche Verknüpfung von Wohnstätten und Arbeitsstätten mit Einrichtungen der Kinderbetreuung, der Ausbildung und der Freizeitgestaltung. Dass hierfür auch Planungen erschwerende Fachgesetze geändert werden können, zeigt die zwischenzeitlich gegebene allgemeine Zulässigkeit von KiTas in Wohngebieten.«

Arbeitswissenschaft
Prof. Dr. Wilhelm Bauer
Fraunhofer IAO

»Ja, das müssen Sie, wenn Sie den Bedürfnisse und Bedarfen der Menschen und auch der Unternehmen gerecht werden wollen.«

Soziologie
Philippe Cabane
Stadtplaner und Soziologe

»Es wird davon abhängen, was die Politik unter einem gemischt genutzten Quartier verstehen will und welche Interessen sich bei der Umsetzung konkret durchsetzen werden.«

Architektur
Dr. Michael Denkel
Albert Speer & Partner

»Die Lebenswirklichkeit der Bürger sowie die Leitbilder der Stadtplanung haben sich von der Funktionentrennung hin zu Nutzungsvielfalt und Mischung verändert. Das werden die Gesetze früher oder später nachvollziehen.«

Projektmanagement
Prof. Phillip Goltermann
Drees & Sommer

»Gemischt genutzte Stadtquartiere als gewachsenes Phänomen zu kopieren und zu multiplizieren bedarf der Herausforderung angepasster Instrumentarien - vor allem der prozessualen; bestehende kommen mehr denn je schnell an ihre Grenzen.«

Verkehrsplanung
Dr. Rolf Hüttmann
Masuch + Olbrisch

»Eine Änderung der Bedingungen ist kurz- und mittelfristig nicht zu erwarten, Fortschritt ist nur durch kreative Lösungen im Rahmen der Bedingungen zu erwarten.«

Öffentliche Verwaltung
Reiner Nagel
Senatsverwaltung Berlin, Stadtplanung

»Die zunehmende Professionalisierung der Bau-, Finanz- und Immobilienwirtschaft sowohl bei der Investition als auch beim Betrieb von Gebäuden führt zur Spezialisierung von Immobilienprodukten. Ungesteuert würde die Funktionstrennung in den nächsten Jahren eher zu- als abnehmen.«

Immobilienwirtschaft
Dr. Markus Vogel
Büro Dr. Vogel

»Eine Analyse bereits gebauter gemischt genutzter Immobilien und Quartiere hat gezeigt, dass die bauplanungsrechtlichen und bauordnungsrechtlichen Regelungen und Instrumente vom Grundsatz ausreichen, gemischte Nutzungen erfolgreich umzusetzen. Politik sollte das für unsere Städte wichtige Thema weiter positionieren und fördern.«

Montag
10
September

Online-Partizipation als Missing Link

»Wir haben nach einem Medium für Partizipation gesucht, mit dem wir über unser gesichertes Fachwissen hinaus neue Erkenntnisse gewinnen können«, erklärt Dr. Elmar Schütz seine Motivation, beim Thema Nutzungsmischung mit Zivilarena zusammenzuarbeiten. »Wenn Sie hier eine Ansprache finden, die eine engagierte Diskussion erzeugt, dann werden die Ergebnisse garantiert sehr interessant für uns«, betont Fachbeiratsmitglied Reiner Nagel, Stadtplaner in der Senatsverwaltung Berlin. Ihre Beteiligung wird also keine Einbahnstraße, sie wird interessiert wahrgenommen. Eine Analyse erwartet Sie im öffentlichen Abschlussbericht nach dem Ende des Diskussionszeitraums. Darüber hinaus wird ein Positionspapier erarbeitet, das der Politik als Handlungsgrundlage dienen soll. Wir hoffen, dass Online- und Offlinepartizipation so ein wenig näher zusammenrücken.
Mittwoch
05
September

Der Fachbeirat hat getagt

Neun Fachleute brachten Licht ins Dunkel des umstrittenen Themas Nutzungsmischung, an einem Ort, an dem dieses Thema sehr bald Gestalt annehmen wird – im Frankfurter Europaviertel. Der Blick auf den Kontrast der Skyline und der Minigolfanlage Handicap43 machte Zivilarena-Moderator Andreas Jacob den Einstieg in die Diskussion leicht: »Was genau ist Nutzungsmischung und welche Bedeutung hat sie für alle Akteure wie Eigentümer, Nutzer (Wohnen, Gewerbe, Handel), Bauträger, Investoren und Verwaltungen?« fragte er.

Einig waren sich die Experten aus den Bereichen Recht, Verkehr, Stadtplanung, Soziologie und Immobilienökonomie bei einem Punkt: Die Veränderungen in der deutschen Arbeitswelt und der hohe alltägliche Organisations- und Abstimmungsaufwand in vielen Familien macht eine hohe Dichte an Funktionen in den neuen Quartieren immer notwendiger. Dr. Markus Vogel, geschäftsführender Gesellschafter des gleichnamigen Beratungsbüros für Immobilienwirtschaft, der zu dem Thema unter anderem seine Doktorarbeit verfasst hat, beschreibt das so: »Der Begriff der Arbeit löst sich zunehmend auf in die Bestandteile Überleben und Sinnstiftung. ‚Ich arbeite so viel, dass es für mein Leben reicht und möchte darüber hinaus Sinnvolles tun.’ Die Generation Y hat das längst für sich entdeckt und ihre Heimat an den hybriden Orten großer Städte bezogen.« Aber es gibt auch kritischere Stimmen, wie etwa von Maren Harnack, Professorin für städtebauliches Entwerfen an der Fachhochschule Frankfurt a.M., die schlicht die Versorgung mit ausreichend Wohnraum in den Vordergrund stellt: »Eine sichere, unproblematische Versorgung mit Wohnraum und sozialen Einrichtungen, besonders für Familien, macht das Heimischwerden leichter und Ortswechsel weniger bedrohlich. Man muss auch an Menschen denken, die in unseren Städten weniger Wahlmöglichkeiten haben, als die relativ wohlhabenden neuen Milieus.«

Die Konflikte, die in gemischten Quartieren auftreten, standen ebenfalls im Zentrum der Fachdiskussion und dämpften einige zu euphorische Erwartungen. Reiner Nagel, Abteilungsleiter Stadtentwicklung in der Berliner Senatsverwaltung, pointiert das so: »Tatsächlich beschreitet doch der Stadtbewohner gegen den Musik-Club, den Spätverkauf und die Kita in der Nachbarschaft den Rechtsweg. BauGB, BauNVO, BImSchG und GIRL sind auf seiner Seite.« Für Nicht-Juristen verbergen sich hinter diesen kryptischen Buchstabenkombinationen das Bundesbaugesetz, die Baunutzungsverordnung, das Bundes-Immisionsschutzgesetz und die Geruchs- und Immissionsrichtlinie (Immissionen). Auch die TA Lärm, eine letztmals 1998 novellierte Verwaltungsvorschrift, hatte in den Jahren, in denen sie aufgestellt wurde, eine andere Absicht. Heute, so war man sich einig, behindert sie notwendige Schritte in der Stadtentwicklung – etwa bei der Schaffung von neuem innerstädtischem Wohnraum. Die gesellschaftliche Debatte muss also bereits erlassene Gesetze vor der Perspektive des kontinuierlichen Einwohnerzuwachses in den Städten möglicherweise nochmals in Frage stellen. Der Journalist Christian Hunziker zitiert etwa in seinem Magazinbeitrag den Frankfurter Verwaltungsrechtler Thomas Schröer, der im deutschen Planungsrecht den neuen Gebietstyp eines »innerstädtischen Wohngebietes« fordert, um Lärm innerhalb des städtischen Lebens angemessen relativieren zu können.

Mit Blick auf die immer wieder veränderten Leitlinien des Städtebaus in den zurückliegenden Jahren ist die Frage nach der nachhaltigen Perspektive für gemischte Innenstadtquartiere wichtig. Von einigen der Fachleute wurde immer wieder kritisiert, dass die Erwartungen an gemischt genutzte Quartiere zu hoch sind. Sie können weder alle sozialen Spannungen in der Stadt auflösen, noch werden sie den Verkehr vollkommen abschaffen. Vieles muss auch noch in Zukunft anpassungsfähig bleiben und nicht schon heute gelöst werden. Aber gerade für Kinder und Jugendliche sollte schon heute etwas geändert werden. Philippe Cabane, Soziologe und Städteplaner aus Zürich findet deutliche Worte, wenn er sagt, »In städtischen Kontexten fehlt es an Toleranz (Lärm) und Freiraum (Sicherheit) für Kinder. Die heute stark zunehmende Verordnung von Psychopharmaka als Kompensation kann keine Lösung sein. Es braucht reale und mentale Freiräume für Kinder.«

Dienstag
04
September

Handicap43

»Hier ist nichts mehr, nur noch Messe«, sagt der Taxifahrer, der mich zum Tagungsort des Fachbeirats, dem Cube43 auf der Europa-Allee in Frankfurt am Main, bringen soll. Endlose Brachen breiten sich rechts und links von uns aus und stoßen auf hohe Zäune, die das Messegelände abgrenzen. »Ich habe leider gar keine richtige Adresse. Aber da wurde ein Minigolfplatz gebaut, kennen Sie den?«, erkläre ich. Der Taxifahrer schüttelt betont verständnislos den Kopf. An der Biegung zur Pariser Straße taucht schließlich ein freundlicher kleiner Holzkubus mit einem vorgelagerten Parcours auf. Handicap 43 heisst dieser temporäre Konzeptbau, mit dem die Aurelis, Grundstücksentwicklerin des sogenannten »blvd Mitte« im Europaviertel, neben der Showroomfunktion auch den Dialog mit den Anwohnern sucht und ein wenig die Zumutungen ausgleichen will, die die lange Bauphase dieses neuen Quartiers mit sich bringen wird. Ein neues Stadtviertel soll entstehen, dass sich schon allein wegen der unmittelbaren Nähe an der lebendigen Innenstadt Frankfurts messen muss. Auch darum ist die Aurelis für das Thema Nutzungsmischung sensibilisiert und möchte durch den Fachdialog und die Online-Diskussion auf Zivilarena lernen. »Ein Spielplatz für Yuppies mit Schlipsen und iPhones, hieß es zuerst in der Presse«, sagt Dr. Elmar Schütz, Leiter der Projektentwicklung, und deutet auf den Minigolfplatz. »Aber sehen sie mal hin. Das sind ganz normale Leute.« Er klingt erleichtert. Stimmt. Eine Runde mit 18 Bahnen kostet je nach Alter zwei bis vier Euro, die Gastronomie des Cube43 serviert zur Abrundung der Anstrengungen Rindswürste und kühle Getränke. (Foto ©2012 aurelis Real Estate GmbH)