Tag 21
Andreas Schulten
02.10.2012, 11:30 Uhr
Ich versuche mal drei Thesen, die ALLE ;-) Fäden aufnehmen und in der Gesamtschau zu einem künftigen Handeln in unserer Frage auffordern könnten:

1
Fein granulierte Strukturen sind wegen ihrer besseren Wandlungsfähigkeit sowohl ökonomischer (Bauträger) als auch humanistischer (Stadtplaner) - sie sind allerdings meist spürbar teurer in der Erstellung. Unter anderem lassen sich keine wirtschaftlichen Skaleneffekte erzielen.

Das heißt: Der Mut zu mehr Mischung besteht hier vor allem in dem Mut, mehr für diese Qualität zu bezahlen und eine Ausgrenzung von Menschen mit geringem Einkommen stillschweigend zu billigen - ähnlich wie beim Konsum von Bio-Fleisch.

2
Eine pluralistische und dynamische Gesellschaft muss experimentieren - mit hohen Risiken, Konflikten und Perspektive auf Genie oder Scheitern. Deutsche Städte wären ohne Industrie, Autobahnen und IKEA nicht das, was sie sind.

Das heißt: Der Mut zu mehr Mischung besteht hier vor allem in dem Mut, Freiräume (im wörtlichen Sinne) jenseits der sozialen Mitte zu unterstützen, die "industrielle" Formate erlauben - ähnlich wie bei Volkswagen und easyjet.

3
In diesem räumlichen Spannungsfeld zwischen:

a) Nachhaltiger Qualität
b) Innovations-Qualität

sind die Nutzungstypen der aktuellen deutschen BauNVO tatsächlich sehr weitreichend und konventionell antizipierend strukturiert. Zumindest das Denkmodell einer bipolaren Typisierung von Bauflächen ("Wohnen und Schutz" hier vs. "Industrie und Aufbruch" dort, mit einer schrittweisen Lärm- und Belastungsskalierung) könnte den gesellschaftlichen Entwicklungen in deutschen Städten gerechter werden und ein Konsens-Gefühl von der "guten" Mischung spürbar werden lassen.
Kindheit•Zukunft · Rahmenbedingungen
 
Tag 18
Andreas Schulten
29.09.2012, 11:53 Uhr
Ich zögerte noch mit meiner Antwort, weil Sie sich für den GF von Zivilarena berechnend anhört.

Ein simpleres Planungsrecht (weniger Gesetz, mehr Rechtsprechung), wie Sie es skizzieren, lieber Herr Schütz, setzt eines voraus: Eine intakte, gut funktionierende kommunale Selbstverwaltung und zwar im Verbund mit den Nachbarkommunen - und dazu gehört eine große Portion Partizipation der Bürger! Auf welcher Ebene sonst handeln wir Mischungsverhältnisse und Lärmzonen aus?

Das Problem beschrieb Prof. Dr. Walter Siebel im Juni punktgenau:
"Auch der sesshafte Bürger sieht sich immer weniger an eine Stadt gebunden. Solange die Stadt die Einheit des Alltags ihrer Bürger war, d.h. solange der Bürger in ein und der selben Stadt wohnte, arbeitete, sich versorgte und seine Freizeit verbrachte, solange gab es ein Stadtbürgertum, das in sich selbst die Konflikte zwischen den Funktionen Wohnen, Arbeiten, Verkehr und Erholung austragen musste. Heute aber haben immer mehr Menschen ihren Alltag regional organisiert, arbeitsteilig über verschiedene Gemeinden hinweg: man wohnt in A, arbeitet in B, kauft ein in C und fährt mit dem Auto durch D hindurch. Kommunen sehen sich dadurch mit Kundengruppen konfrontiert, die hoch spezialisierte Bedürfnisse kompromisslos erfüllt haben wollen: von A ungestörtes Wohnen, von B einen expansiven Arbeitsmarkt, von
C ein gut erreichbares Einkaufszentrum und von D eine kreuzungsfreie Schnellstraße. Damit schwindet die politische Basis für die Kernaufgabe kommunaler Politik, nämlich Kompromisse zwischen konfligierenden Anforderungen an die Stadt zu finden und durchzusetzen."
Gemeinschaft•Freiheit · Rahmenbedingungen
 
Tag 14
Andreas Schulten
25.09.2012, 12:26 Uhr
 
Was sagt der Moderator? Schaffen wir die Themen Erreichbarkeit (europäische Stadt) und Erschwinglichkeit industrieller Strukturen (moderner asiatischer Städtebau) in einem Strang weiter zu diskutieren?

Zu letzterem noch eine Zahl - aber wohl eher für die Diskussion in zwei bis drei Tagen: Nach aktuellem Baukostenindex (BKI) ist allein das gemischt genutzte Gebäude - also nicht das Quartier - um 16 bis 20 % teurer als das reine Wohngebäude. Bleiben wir, wenn überhaupt also nur bei der Mischung im Straßenblock? Vielleicht können einige unserer Fachleute über Erstellungs- und Pflegekosten von Mischquartieren berichten...

@Koschny: Wir sehen auch in der Wirtschaft, dass Europa nur selten in großindustriellen Prozessen mit den BRIC-Staaten konkurrieren kann. Logischerweise MÜSSEN wir uns in Europa auch im Städtebau den Manufaktur-Stil leisten können, oder?
Bewegung•Aufenthalt
 
Tag 10
Andreas Schulten
21.09.2012, 12:57 Uhr
Kleiner Tipp für Günther Baasner und Urs Kohlbrenner:
Mann könnte auf "Mein Profil" auf der rechten Seite nach der Anmeldung etwas mehr über sich sagen und/oder ein Foto hochladen (gern auch ein Stellvertreter-Bild)

Nun zum Dialog:
Gestern war ich in der Überseestadt in Bremen, wo derzeit konventioneller wie experimenteller Wohnungsbau errichtet wird wie auch ein Großmarkt, wie auch konventionelle und experimentelle Büros. Experimentell heißt überwiegend: Einbau neuer Nutzungen in alte Lagergebäude. Ökonomisch erscheint mir das insofern, als hier Grundstückswerte deutlich steigen, von denen auch die alteingesessenen Lager-, Schauer- und andere Hafen-Unternehmen profitieren (Nun ist die Frage, ob eine hoher Grundstückspreis gewollt ist- ich sage: er ist ein Indikator für Attraktivität). Mal sehen, ob die Bremer Wirtschaftsförderung dazu noch näheres sagen kann.
Die Frage ist aber legitim, ob die Überseestadt Bremen in 30 Jahren nicht auch das Köln-Chorweiler von heute sein könnte. Aber - es ist eben anders granuliert.

Vielleicht nehmen wir uns auch einmal den Begriff "City" vor. Es gibt Airport-Cities, HafenCities eine altehrwürdige City-Nord in Hamburg. Vielleicht haben wir ein Bedürfnis in unserer Gesellschaft nach zeitgemäßen Knotenpunkten, die dann - für die nachhaltige Funktionsfähigkeit - eine Mischung brauchen?
Heimat•Arbeit
 
Tag 9
Andreas Schulten
20.09.2012, 10:17 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Anja Batke
KÜCHENSCHUBLADE

finde ich für unsere Diskussion einen SEHR schönen Begriff. Danke!
 
Tag 8
Andreas Schulten
19.09.2012, 19:47 Uhr
Warum Mischnutzung, fragen Sie, lieber Herr Kohlbrenner - und machen einen Streifzug vom Quartier bis in die Wohnung. Gut so!
Ich komme darauf antwortend wieder auf das ökonomische zu sprechen, und zwar für alle Akteure, nicht nur die Eigentümer und Bauherren. Wenn man zu Mischnutzung anregt, erhält man Flexibilität und die Möglichkeit, mit der Zeit zu gehen. Das ist ökonomischer, als Monostrukturen alle 20 Jahre aufwändig zu modernisieren. Das neue daran ist: Das erkennen auch Immobilieneigentümer und -bauherren. Einige zumindest.

@Nina Brodowski - Gern präzisiere ich mein Bild von "den Kreativen" zu einer nicht armen und nicht reichen Gruppe von Menschen, die - politisch bewusst - bemüht sind, ihre Aufgaben selbst definieren zu können. Diese Gruppe wächst nach meiner Beobachtung in den deutschen Städten stetig, wählt häufig grün, reist viel, zeigt sich medienkritisch und mischt sich ein. Diese Menschen sind sich als Pioniere schon bewusst, dass sie auch mal auf eine Kita oder einen Spät verzichten können. Wollen wir es ihnen in den Problembereichen unserer Städte nicht ermöglichen? Ich will ja nur einen Nebenschauplatz, zusätzlich zu den eher romantisierten, urbanen Allround-Quartieren aufmachen, um die Funktionsmischung als Prinzip diskutieren zu können.
Rahmenbedingungen
 
Tag 7
Andreas Schulten
18.09.2012, 23:31 Uhr
Kommentar zum Beitrag von
Eieiei! Ein letzter Beitrag für die Nacht.
Wie wollen wir weiter diskutieren? Ökonomie..., Baukultur... und Frank G. sagt, dass Druckereien in Gewerbegebiete gehören. Letzteres stimmt eben nicht mehr. Wir haben ja keine Druckpressen mehr, sondern große Kopierer, so wie sie auch in unseren Büros stehen. Normale Druckereien gehen überall.

Hier ein Versuch, die Fäden zusammen zu nehmen: Ist es ökonomisch sinnvoll, die dahin siechenden Gewerbegebiete der 70er Jahre, in denen eine Mischung aus Flächen-Vorratshaltung, Untervermietung und drohender Insolvenz zum Patt führt, durch Wohnnutzungen zu wiederbelebten städtischen Quartieren zu machen? Von NO-GO-Areas zu GO-Areas? Ich kenne einige Kreative, die das chic finden, in einem Gewerbegebiet zu wohnen. Es gibt Parkplätze, das Grundstück ist groß und billig und es gibt den Blick in den Himmel. Gibt es andere soziale Milieus, die den Kreativen folgen würden? Ausländische Studenten, die man in den Wohnheimen nicht haben will? Kann man hier gar den so dringend benötigten preiswerten, frei finanzierten Wohnungsbau schaffen?

Ökonomisch reizvoller als drittklassige Gerüstbau-Betriebe ist Wohnungsbau auf den verfügbaren Gewerbeflächen allemal. Was sagen dazu die Juristen? Kann Funktionsmischung im Sinne von Ökonomie, Vitalität und Baukultur soweit gehen?
Heimat•Arbeit · Lebendigkeit•Erholung · Rahmenbedingungen
Andreas Schulten
18.09.2012, 21:21 Uhr
Lieber Herr Denkel
Liebe Frau Bakte

Wir werden Ihre Impulse gern aufgreifen und eine Video-Befragung durchführen. Mal sehen, wie schnell wir das auf die Beine kriegen. Sie haben recht, wir sollten uns für die weitere Diskussion ein besseres Bild machen können welcher Bürger-Typus wohin tendiert in der Mischungsfrage. Da ist für ein Medium wie Zivilarena eine durchaus unrepräsentative aber glaubwürdige Straßenbefragung ganz geeignet.

Aber lassen Sie uns bedenken, dass wir ja auf neue Quartiere schauen, die in diesen Jahren zumeist eher in innerstädtischen Lagen gebaut werden; direkt an die Haltestellen von Bus und Bahn und nah an die Bürostandorte unserer Großstädte.

Ich bin sicher, dass unser Team da etwas gutes beitragen kann.
 
Tag 4
Andreas Schulten
15.09.2012, 12:27 Uhr
Ja, und auch die Frage: Maßstäbe für wen?

Denn unser Thema hat ja eine gesellschaftliche Relevanz. Und dann ist der Schritt von persönlichen Maßstäben zu gemeinschaftlich akzeptierten Maßstäben (KOMPROMISS) immer im Fokus. Ich fände es richtig die TA Lärm, das BImschG und alle weiteren rechtlichen Regelungen noch einmal aktuell auf den Prüfstand zu stellen. Oder?
Rahmenbedingungen
Andreas Schulten
15.09.2012, 11:06 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Anja Batke
Herzlichen Glückwunsch, Frau Bakte! Mit der Verwendung des Begriffs "Bewertungsmaßstäbe" haben Sie sich für einen Sonderpreis qualifiziert - einen gemeinsamen Lunch in Frankfurt a.M. Ich melde mich im Oktober zur Terminabstimmung.

Die Projektleitung ;-)
 
Tag 1
Andreas Schulten
12.09.2012, 10:22 Uhr
 
Herzlich Willkommen auch von meiner Seite, als Projektleiter für dieses Projekt bei Zivilarena und Vorstand von BulwienGesa. Aus dieser Perspektive bin ich sowohl fachlich als auch alltäglich motiviert mit zu diskutieren. Ich habe mich mal als Sympathisant (hellblau) und "ideell motiviert" positioniert. Klappt!

Zur Impulsfrage: Mich nervt der Mehltau der Blockwarte und der Schönheitsschläfer mehr als das Parken in zweiter Reihe. Ich würde ungern in einer Stadt oder ein Quartier leben, wo alles perfekt, harmonisch durchorganisiert ist. Also plädiere ich auf "Recht auf Lärm", zumindest in der Innenstadt.

Uns allen eine gute Diskussionen gute Ergebnisse!
Gemeinschaft•Freiheit