Tag 20
Anja Batke
01.10.2012, 16:43 Uhr
In der Rhein-Main-Region gibt es Kommunen, die nur noch von REWE als Monopolist versorgt werden. Unter diesen Umständen wünsche ich mir auf jeden Fall eine Quartiersentwicklung, die dem Markt entgegensteht!

Dass manche Stadtteile garnicht mehr nahversorgt werden, sehe ich als Marktversagen. Social Franchising (CAP-Märkte, Smart-Märkte) ist momentan ein Weg, dagegen etwas zu tun. In Frankfurt sitzt dabei die Wirtschaftsförderungs GmbH sogar dabei mit im Boot.

Die großen Betreiberketten arbeiten in den letzten Jahren alle wieder an Kleinflächen-Pilotkonzepten ("Temma" - was für ein Name!) für die Großstädte, und Tegut ("Lädchen für alles") ist der Vorreiter auf dem Land. Das machen die nicht aus Nächstenliebe, sondern weil es da kaufkräftige Nachfrage gibt, die abgeschöpft werden will. Die Wahrnehmung, was wirtschaftlich ist, verändert sich alle paar Jahre. In 25 Jahren erfindet jemand das Kaufhaus neu, darauf wette ich!

Wenn man sich als Kommune hartleibig gibt und konsequent verhandelt, staunt man, was am Ende dann doch alles wirtschaftlich betrieben werden kann. Natürlich ist es einfacher und profitabler, eine 2000qm-Bude mit 150 Parkplätzen an den Ortsrand zu stellen, aber wenn es sein muss, funktioniert auf einmal auch die Erdgeschossnutzung und eine geringere Stellplatzanzahl.
Heimat•Arbeit
 
Tag 18
Anja Batke
29.09.2012, 18:05 Uhr
Beispiel für kooperatives Erdgeschoss-Management: Groß-Gerau, Aktion "Fläche sucht Nutzer",
dazu gibt es einen informativen IHK-Report.
Heimat•Arbeit · Kindheit•Zukunft
 
Tag 17
Anja Batke
28.09.2012, 11:35 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Koschny
... hm, wenn ich mir die Schuldenstände mancher Kommunen in der Rhein-Main-Region ansehe, so helfen Einwohnerzuwächse und wirtschaftliche Dynamik auch nicht immer. Kommunale Finanzen und die Wirtschaftskraft der Region als Ganzes haben sich zumindest teilweise entkoppelt.

Außerdem habe ich Zweifel, ob das die Finanzkraft einer Stadt wirklich eine Rolle spielt. Herr Schütz muss nur aus dem Fenster sehen: Schauen Sie sich Eschborn an, eine der reichsten Städte Deutschlands. Ist das ein Beispiel dafür, dass einem Budget ermöglicht, über intelligente Stadtentwicklungskonzepte nachzudenken? In prosperierenden Regionen müssen Nachfrage und Wachstumsimpulse nur ordnungspolitisch in Bahnen gelenkt werden, ohne über existenziellere Probleme auf entwicklungspolitischer Ebene nachzudenken. Dass mit Wachstum und Budget automatisch mehr Motivation oder fachliche Versiertheit der Akteure einhergehen, erschließt sich mir nicht im Geringsten, eher im Gegenteil!

Ich behaupte mal, dass in schrumpfenden Regionen die Akteure eine extrem hohe Motivation haben, auch ohne besondere Ressourcen und gegen alle Widerstände etwas zu bewegen, und das Thema Mischung spielt dabei eine große Rolle (siehe Phönix). Insofern beteiligen die sich vielleicht nicht an der Diskussion, weil sie schon viel weiter und bei der Umsetzung von Projekten sind.

Gerade in echten Schrumpfungsregionen bauen erfolgreiche Lösungskonzepte darauf, auf Brachen Mischnutzungen zu etablieren, Kernbereiche zu stabilisieren, durch Funktionsmischung die Attraktivität der verbleibenden Angebote zu steigern oder durch clevere Mobilität Raumwiderstände zu überwinden. Dazu braucht man kein besonderes fachliches Niveau, sondern gesunden Menschenverstand und vor allem ganz viel Herz! Und man darf natürlich seine Zeit nicht in akademischen Internet-Chats vertrödeln, wenn man etwas bewegen will, gelle? Aber wem sage ich das - am besten mir selbst!

Ein schönes kleines Beispiel aus Norhessen: http://www.vfr-werra-meissner.de/modell2.html
Kindheit•Zukunft
 
Tag 15
Anja Batke
26.09.2012, 12:03 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Koschny
Herr Koschny, Sie schreiben: "Problematisch sind in der Tat schrumpfende Städte, die weder das Budget noch die Motivation haben, sich mit solchen Prozessen auseinanderzusetzen."

Was genau meinen Sie damit?
Kindheit•Zukunft
 
Tag 13
Anja Batke
24.09.2012, 10:00 Uhr
... zu den Faktoren, auf die es ankommt, gehört sicher auch, dass ein Ort aufgrund seiner Lage und Erreichbarkeit dazu angetan sein muss, dass ihn möglichst viele, möglichst unterschiedliche Menschen aus mehr als zwei oder drei Gründen (man wohnt dort, arbeitet dort oder kauft dort ein) auf unterschiedlichen Wegen aufsuchen. Es muss ein Raum für Zufälle entstehen, damit das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist und es zu einer Art chemischen Reaktion kommt, die die einzelnen Nutzungsbausteine verändert. An peripheren Standorten à la Chorweiler funktioniert das nicht. Orte, die man nur erreicht, weil man sich gezielt dorthin begibt, haben in meinen Augen kein Potenzial, sich zur City zu entwickeln.
Das Thema Verkehr finde ich extrem wichtig. Verkehr, sprich Erreichbarkeit, ermöglicht erst Urbanität, Verkehr kann aber auch Urbanität komplett verhindern und zerstören. Wichtig finde ich in diesem Zusammenhang das Zusammentreffen von "Schnell" und "Langsam". Ich behaupte mal: Ein Knotenpunkt zwischen Flugverkehr, Hochgeschwindigkeitszug und Autobahn kann niemals eine "City" hervorbringen, die die Bezeichnung verdient.
Bewegung•Aufenthalt · Rahmenbedingungen
 
Tag 9
Anja Batke
20.09.2012, 13:30 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Timo Meisel
Bitte um Klärung: Wollen Sie, dass die Leute eine Selbstverpflichtung zum Kehren unterschreiben, oder eine sich nicht zu beschweren, wenn's auch mal schmutzig ist?

Kompromiss heißt, beide müssen nachgeben. Kompromiss hört sich immer so toll und "richtig" an. Ist es denn immer fair, Kompromisse zu fordern? Ich finde: Nein! Beispiel: Muss ein Gewerbebetrieb, der seit 30 Jahren am Standort ist, seine Betriebsabläufe ändern oder seine Rampe einhausen, weil sich zugezogene Bewohner über - sagen wir z. B. über Lieferverkehr mit 40-Tonnern um 6:00 Morgens beschweren?

Das Milieu, in dem einfaches Gewerbe gedeihen kann, ist in meinen Augen genauso sensibel gegenüber Verdrängungsprozessen und ebenso schützenswert, wie das Milieu eines Kiezes oder Veedels in einem preiswerten Wohnquartier.
Heimat•Arbeit · Gemeinschaft•Freiheit
Anja Batke
20.09.2012, 12:35 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Timo Meisel
... in Berlin habe ich in den 80ern mit (schwäbischen) ex-Hausbesetzern in einem Selbsthilfeprojekt gewohnt. Wir hatten dort KEHRWOCHE!
Gemeinschaft•Freiheit · Heimat•Arbeit
Anja Batke
20.09.2012, 09:48 Uhr
... leider verspießern die Pioniere schneller als man denkt, kommen zu Geld und fangen an, Ansprüche zu stellen! Mein Lieblingsbeispiel aus der Praxis: Der Mann, der neben eine Waldenserkirche zog und nach einem halben Jahr gerichtlich erwirkt hat, dass die Glocken nach Hunderten von Jahren nicht mehr läuten dürfen. (Er wurde dann allerdings regelrecht aus dem Stadtteil gemobbt!)
Aus kommunaler Stadtentwicklungsperspektive würde ich es unbedingt vermeiden, mir genau die von Ihnen beschriebenen "Einmischer" als Bewohner in mein Gewerbegebiet zu holen - es sei denn, ich gebe die gewerbliche Entwicklungsperspektive des Gebiets ganz bewusst vollständig auf und nehme die Verdrängung der letzten Betriebe (sprich Gewerbesteuerzahler) in Kauf. Gerne innovative Formen von Arbeitsplätzen, Kultur, Freizeiteinrichtungen, aber Wohnen? Bloß nicht! Dass jeder beim Einzug eine Erklärung unterschreibt, auf alle Beschwerden, Klagen usw. zu verzichten, wäre juristisch fragwürdig. Allenfalls zeitlich befristete Wohnformen wie Studentenwohnheim, Boarding-House, Hotel, selbst ein Stundenhotel als die ultimative Form des befristeten (Bei-)Wohnens würde ich eher akzeptieren!
Bei unserem Projekt zu "Wildschweingebieten" haben wir gemerkt, dass es keine objektivierbaren Kriterien für Problemgebiete gibt. Vieles, was man zuerst als problematisch abstempelt, funktioniert bei näherem Hinsehen ganz gut und wird gebraucht. Jemand hat die Funktion solcher Gebiete innerhalb der Stadt mit einer Küchenschublade verglichen.
Gemeinschaft•Freiheit
 
Tag 8
Anja Batke
19.09.2012, 12:30 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Timo Meisel
... bei diesem Thema kann ich nicht widerstehen, da mein aktuelles Projekt ("PIG - Innenentwicklung in bestehenden Gewerbegebieten") um das Thema Entwicklungsperspektiven älterer GE-Gebiete kreist: die so genannten Wildschweingebiete.

In der Rhein-Main-Region habe ich mir einen Haufen dieser Gebiete angesehen. Nur ein sehr kleiner Teil eignet sich m. E. für eine kreativ-urbane Mischung. Innenstadtnähe und Erreichbarkeit sind gut. Noch besser ist eine leerstehende, ältere, massive und interessante Bausubstanz mit industrieller Prägung, möglichst eine gewisse Bandbreite von verschiedenen Gebäuden. Ein leerer 650qm-Discounter z. B. ist nur arm, aber nicht sexy! Nicht nur muss die Stadt dulden, zunächst müssen die Eigentümer die Nutzungen zulassen, d.h. die Immobilie muss mit einer roten Null in den Büchern stehen. Solange noch Hoffnung auf eine wirtschaftliche Verwertung besteht, wird es schwierig.

In Hamburg scheint es leichter zu gehen. Wir müssten hier in Rhein-Main erstmal noch 5 Ardi Goldman's klonen. Die entsprechende Nachfrage kann man leider auch nicht herbeireden, indem man den ganzen Tag murmelt: "Wir sind Metropole, wir sind Metropole". Ein Problem der Region (vielleicht Offenbach ausgenommen) ist ihre Saturiertheit; es fehlt hier die Subkultur und die kritische Masse von kreativen, politisch denkenden und experimentierfreudigen jungen Leuten. Meine eigene Bio ist da vielleicht stellvertretend. Wir sind vor 16 Jahren vom Helmholtzplatz am Prenzlauer Berg nach Frankfurt "segregiert", weil die Region den verlässlicheren Arbeitsmarkt geboten hat. Hier kommt man nicht aus kreativer Abenteuerlust her, sondern um Geld zu verdienen. (Außerdem, Herr Nöthen, sind die Straßen in Berlin so breit, dass ich in der Zeit, in der ich in Berlin zwei Straßen überquert habe, durch die komplette Frankfurter Innenstadt gelaufen bin!).

Auch noch mal zurück zum "Erdbeeraroma aus Sägespänen": Wenn der Raum für Kreativität von Stadt und Planern den auf dem Silbertablett präsentiert wird - ist er dann überhaupt noch reizvoll? Gehört nicht, wie in Hamburg, das Erobern gegen Widerstände und der Konflikt um die Nutzung mit dazu, damit das ganze Erfolg hat? Kann/soll man Kreativwirtschaft analog der Technologie- und Gründerzentrum der späten 80er unterstützen?

Aus Sicht einer Stadt ist die Sache ambivalent: In den älteren Gebieten sitzen ja in der Regel noch alteingesessene "echte" Gewerbebetriebe. Deren Standortbedingungen haben sich kontinuierlich verschlechtert, weil andere Nutzungen eingedrungen und Gemengelagen entstanden sind. Die Städte weisen zwar neue Gewerbegebiete aus, tatsächlich gibt es kaum echte Neuansiedlungen, sondern allenfalls Verlagerungen innerhalb der Region. Die noch vorhandenen Gewerbesteuerzahler müssen also unbedingt gehegt und gepflegt werden, damit sie in der Kommune bleiben! Vor diesem Hintergrund kann es für die Stadt sinnvoll und notwendig sein, die Gebiete nach Möglichkeit baurechtlich so zu steuern, dass andere Nutzungen und insbesondere das Wohnen rigoros aus den Gebieten rausgehalten werden.

Eines der Gebiete, die wir untersucht haben, wird sich jedoch in die hier andiskutierte Richtung entwickeln. Asiatischer Lebensmittelhandel, religiöse Einrichtungen, Line Dance im leer stehenden Getränkemarkt, Yoga, türkische Feierhalle und auch Wohnen sind bislang die Folgenutzungen - neben dem alteingesessenen Familienbetrieb, der den Weltmarkt mit Mess- und Regeltechnik beliefert. Die Stadt ist für alles offen. In der Überregulierung liegt hier tatsächlich ein Hemmnis: Ein Gebiet, wie es dort im Enstehen ist, darf es laut BauNVO garnicht geben!

Grundsätzlich glaube ich, dass man mit gutem Willen und unter Ausnutzung aller Ermessenspielräume auch im Rahmen bestehender Regularien guten Städtebau machen kann, wenn man denn eine Idee hat, und dass die Städtebaumisere nicht mit Überregulierung zu entschuldigen ist. Die BauNVO ist allerdings tatsächlich in vielen Punkten ein Klotz am Bein!
Gemeinschaft•Freiheit · Heimat•Arbeit · Rahmenbedingungen
 
Tag 7
Anja Batke
18.09.2012, 22:44 Uhr
Kommentar zum Beitrag von
... mag sein, dass Immobilienwirtschaft das soziale Miteinander im Stadtteil nicht nachvollzieht. Gravierender finde ich aber, dass die planende Verwaltungen die Wechselwirkungen zwischen B-Plan-Festsetzungen und Bodenmarkt oft nicht versteht, wie Sie zu Beginn der Diskussion schon mal angemerkt hatten. Ich teile diese Auffassung.
Das sind tatsächlich unterschiedliche Denkweisen. Es fehlt zum einen am entsprechenden Wissen. In der Planerausbildung der geburtenstarken Jahrgänge, die momentan alle Verwaltungen bevölkern, spielte dies keine Rolle. Aber es gibt zum anderen auch eine mehr oder weniger latente Kapitalismusfeindlichkeit ("Bauträgerarchitektur" und "Investorenplanung" sind negativ besetzt), auch in der Kommunalpolitik. Der Satz "Die wollen ja nur Geld verdienen!" ist im Zusammenhang mit Bauprojekten mit Sicherheit in vielen Stadparlamenten schon gefallen.
Es wäre sicher hilfreich bei der Suche nach guten städtebaulichen Lösungen, wenn es mehr Austausch gäbe. Wenn ich mich so umsehe, vermisse ich auch ein gemeinsames Bemühen um "Baukultur". Darunter versteht vermutlich jeder etwas anderes.
Gemeinschaft•Freiheit · Rahmenbedingungen
Anja Batke
18.09.2012, 22:19 Uhr
Herr Denkel, Sie sprechen ein wichtiges Thema an: Wer äußert sich denn zu Planungsthemen? Will man denn eine andere Klientel als den oft auf Krawall gebürsteten Teil der gebildeten Mittelschicht erreichen? Wenn ja, wie? Damit tut sich die planende Verwaltung schwer und - erzählen Sie mir nix - die meisten Büros können es auch nicht viel besser. Da werden viele Experteninterviews und Round-Table-Gespräche geführt und Frontalveranstaltungen mit 150 Teilnehmern organisiert, die kaum über eine Information hinausgehen. Als Externe haben Büros allerdings den Vorteil größerer Akzeptanz in der Moderatorenrolle.

Wenn man ein Stadtquartier unter einem systemischen Blickwinkel betrachtet: Inwiefern könnten Kommunikationsprozesse dazu beitragen, dass soziale Mischung stabil und harmonisch wird bzw. bleibt? Vielleicht sollte man mal im Neubau versuchen, nicht nur die Planung, sondern die Entstehungsphase mit Fertigstellung und Erstbezug kommunikativ zu begleiten - oder hat da schon jemand Erfahrung? Meist wird mit Kommunikation erst begonnen, wenn es bereits Konflikte, Niedergangstendenzen und Umstrukturierungsbedarf gibt.
Rahmenbedingungen
 
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