Tag 21
Philippe Cabane
02.10.2012, 16:37 Uhr
@Andreas Schulten
Die drei Thesen sind meines Erachtens zu einseitig auf die Favorisierung der industriellen, besser globalen Formate gerichtet. Ich habe nichts gegen globale Formate. Sie sind wichtig und nötig und ein klarer Teil der globalen Entwicklung. Nur werden die Städte gerade durch die globalen Formate entmischt und unspezifisch. Verdrängt werden die kleinen, lokalen und spezifischen Angebote, die paradoxerweise diejenigen Qualitäten etablieren, von denen die Immobiilenvermarktung ja schwärmt. Es braucht m.E. eine Durchmischung oder eine Körnung der Sadt in mindestens diesen beiden Formaten. Mut zur Durchmischung heisst demnach, dass wir zwei Massstäben zu spielen lernen müssen.
Kindheit•Zukunft · Heimat•Arbeit · Gemeinschaft•Freiheit · Bewegung•Aufenthalt · Rahmenbedingungen
Andreas Schulten
02.10.2012, 11:30 Uhr
Ich versuche mal drei Thesen, die ALLE ;-) Fäden aufnehmen und in der Gesamtschau zu einem künftigen Handeln in unserer Frage auffordern könnten:

1
Fein granulierte Strukturen sind wegen ihrer besseren Wandlungsfähigkeit sowohl ökonomischer (Bauträger) als auch humanistischer (Stadtplaner) - sie sind allerdings meist spürbar teurer in der Erstellung. Unter anderem lassen sich keine wirtschaftlichen Skaleneffekte erzielen.

Das heißt: Der Mut zu mehr Mischung besteht hier vor allem in dem Mut, mehr für diese Qualität zu bezahlen und eine Ausgrenzung von Menschen mit geringem Einkommen stillschweigend zu billigen - ähnlich wie beim Konsum von Bio-Fleisch.

2
Eine pluralistische und dynamische Gesellschaft muss experimentieren - mit hohen Risiken, Konflikten und Perspektive auf Genie oder Scheitern. Deutsche Städte wären ohne Industrie, Autobahnen und IKEA nicht das, was sie sind.

Das heißt: Der Mut zu mehr Mischung besteht hier vor allem in dem Mut, Freiräume (im wörtlichen Sinne) jenseits der sozialen Mitte zu unterstützen, die "industrielle" Formate erlauben - ähnlich wie bei Volkswagen und easyjet.

3
In diesem räumlichen Spannungsfeld zwischen:

a) Nachhaltiger Qualität
b) Innovations-Qualität

sind die Nutzungstypen der aktuellen deutschen BauNVO tatsächlich sehr weitreichend und konventionell antizipierend strukturiert. Zumindest das Denkmodell einer bipolaren Typisierung von Bauflächen ("Wohnen und Schutz" hier vs. "Industrie und Aufbruch" dort, mit einer schrittweisen Lärm- und Belastungsskalierung) könnte den gesellschaftlichen Entwicklungen in deutschen Städten gerechter werden und ein Konsens-Gefühl von der "guten" Mischung spürbar werden lassen.
Kindheit•Zukunft · Rahmenbedingungen
 
Tag 19
Dr. Elmar Schütz
30.09.2012, 21:46 Uhr
Walter Siebel hat sicher recht. Aus dem Zusammenhang gerissen klingt sein Zitat aber auch ein bisschen so, als wenn früher mal wieder alles besser war. Das wird ihm aber sicher nicht gerecht.
Die Frage ist, was machen wir daraus? Partizipation als Kompensation oder zwingende Folge verloren gehender örtlicher Bindung ist eine interessante Perspektive. Für die Ebene der Region kann ich mir das gut vorstellen. Das hat eine gewisse Logik, weil es im Gleichgang mit deren gewachsener Bedeutung für viele Lebensbereiche steht. Aber wir wollen ja hier über Nutzungsmischung diskutieren.
Im Allgemeinen will ich nicht zwingend auf weniger Gesetze hinaus (wobei weniger auch nicht zwingend mehr Rechtsprechung bedeuten muss), sondern darauf, dass der Staat (den wir alle tragen) hin und wieder seine Regeln schärft (also neuen Gegebenheiten anpasst - nicht verschärft) und dabei bisweilen einen Hinweis gibt, dass in einer komplexeren Welt, mit mehr Mobilität, mehr Wahlmöglichkeiten usw. persönliche Ansprüche (z. B. auf ruhige Wohngebiete in der Innenstadt und kreuzungsfreie Verbindungsstraßen in die Nachbarstadt) auch mal zurücktreten müssen, damit unser Gemeinwesen weiter gut funktioniert.
Und im Konkreten will ich darauf hinaus, dass der Gesetzgeber entweder klarstellt, dass das Mischgebiet auch der bewussten Realisierung von (innerstädtischer) Nutzungsmischung dient (rechtshistorisch gesehen, ging es eher darum, vorhandene Gemengelagen zu legalisieren), wobei die Mischung nicht ausgewogen sein (!) und die Dichte hochgesetzt werden muss, oder eine neue Gebietsart in die Baunutzungsverordnung einführt, die genau das zum Ziel hat.
Rahmenbedingungen
 
Tag 18
Andreas Schulten
29.09.2012, 11:53 Uhr
Ich zögerte noch mit meiner Antwort, weil Sie sich für den GF von Zivilarena berechnend anhört.

Ein simpleres Planungsrecht (weniger Gesetz, mehr Rechtsprechung), wie Sie es skizzieren, lieber Herr Schütz, setzt eines voraus: Eine intakte, gut funktionierende kommunale Selbstverwaltung und zwar im Verbund mit den Nachbarkommunen - und dazu gehört eine große Portion Partizipation der Bürger! Auf welcher Ebene sonst handeln wir Mischungsverhältnisse und Lärmzonen aus?

Das Problem beschrieb Prof. Dr. Walter Siebel im Juni punktgenau:
"Auch der sesshafte Bürger sieht sich immer weniger an eine Stadt gebunden. Solange die Stadt die Einheit des Alltags ihrer Bürger war, d.h. solange der Bürger in ein und der selben Stadt wohnte, arbeitete, sich versorgte und seine Freizeit verbrachte, solange gab es ein Stadtbürgertum, das in sich selbst die Konflikte zwischen den Funktionen Wohnen, Arbeiten, Verkehr und Erholung austragen musste. Heute aber haben immer mehr Menschen ihren Alltag regional organisiert, arbeitsteilig über verschiedene Gemeinden hinweg: man wohnt in A, arbeitet in B, kauft ein in C und fährt mit dem Auto durch D hindurch. Kommunen sehen sich dadurch mit Kundengruppen konfrontiert, die hoch spezialisierte Bedürfnisse kompromisslos erfüllt haben wollen: von A ungestörtes Wohnen, von B einen expansiven Arbeitsmarkt, von
C ein gut erreichbares Einkaufszentrum und von D eine kreuzungsfreie Schnellstraße. Damit schwindet die politische Basis für die Kernaufgabe kommunaler Politik, nämlich Kompromisse zwischen konfligierenden Anforderungen an die Stadt zu finden und durchzusetzen."
Gemeinschaft•Freiheit · Rahmenbedingungen
 
Tag 17
Günter Baasner
28.09.2012, 15:13 Uhr
Da wir uns gerade im Rhein-Main-Gebiet aufhalten: Insbesondere der Raum Frankfurt ist durch ein starkes Ungleichgewicht von Bewohnern und Arbeitsplätzen gekennzeichnet. Die Stadt Frankfurt müsste müsste fast doppelt so viele Einwohner haben um zu einem ausgeglichenen Verhältnis zu kommen. Dieses Ungleichgewicht führt zu erheblichen Pendlerbewegungen, die Wege zum Kiosk mögen kurz sein, die zur Arbeit sind lang.

Dieser Aspekt fällt ja nicht mehr so recht unter den Begriff Mischnutzung. Aber wenn wir es so betrachten, können wir die Körnung in der Region als sehr grob bezeichnen.
Heimat•Arbeit
 
Tag 16
Dr. Elmar Schütz
27.09.2012, 18:38 Uhr
 
In der Tat läuft unsere Diskussion privilegiert - bzgl. des Fokusses auf wachsenden Regionen und auch des fachlichen Niveaus. Aber wie schaffen wir es, "runter zu kommen", wenn offensichtlich so viele fachlich Versierte sich beteiligen? Möglicherweise gar nicht mehr in der verbleibenden Diskussionszeit.
Irgend wie ist es aber auch wie im richtigen Leben. Erst bei konkreter persönlicher Betroffenheit trauen sich viele, das Wort zu erheben (tendenziell eher gegen Veränderungen). Die sicher als sehr abstrakt erlebte Bedrohung der Mischnutzung im Frankfurter Osten durch die Gefahrguthalle im Osthafen ist so ein Beispiel. Die beschäftigt zur Zeit auch nur Fachkreise. Und ebenso die vermutlich eher parteipolitisch motivierte Absage an den Tempo-30-Versuch auf Frankfurts Hauptverkehrsstraßen durch den liberalen hessischen Verkehrsminister. Dabei haben beide Beispiele enorme Relevanz für unser Thema. Ohne Klärung gibt es zukünftig schlichtweg weniger Mischung in Frankfurt.
Ich würde aber jetzt gern aus der Not eine Tugend machen und die hier in diesem Forum versammelte Intelligenz nutzen, noch mehr in Richtung Vorschläge und Lösungen zu denken. Ein Blick in die Schweiz, genauer gesagt, nach Basel zeigt, dass man seitens des Gesetzgebers größere Spielräume schaffen kann. Grob beschrieben unterscheidet man dort nur zwischen Industriezonen (für alles, was stinkt und kracht - die Frankfurter Gefahrguthalle gehörte da rein) und Wohnzonen, in denen u. a. gewohnt werden darf. Der Mischungsgrad wir eher über die Dichte (Geschosszahl und Geschossflächenzahl) gesteuert. Zusätzlich geben Lärmempfindlichkeitsstufen (I-III) Auskunft über das Lärmniveau für die Wohnbevölkerung. Ein juristisch bedenklicher "Etikettenschwindel", der in der Diskussion auch schon angedeutet wurde (Wohngebiete auf dem Lärmniveau von Mischgebieten) wäre dann gar keiner und jeder wüsste von Anfang an, worauf er sich einließe.
@Philippe Cabane: Ist das mischen in der Schweiz einfacher?
@alle: Wenn ja, wäre das auch in Deutschland ein Weg?
Rahmenbedingungen