Tag 17
Anja Batke
28.09.2012, 11:35 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Koschny
... hm, wenn ich mir die Schuldenstände mancher Kommunen in der Rhein-Main-Region ansehe, so helfen Einwohnerzuwächse und wirtschaftliche Dynamik auch nicht immer. Kommunale Finanzen und die Wirtschaftskraft der Region als Ganzes haben sich zumindest teilweise entkoppelt.

Außerdem habe ich Zweifel, ob das die Finanzkraft einer Stadt wirklich eine Rolle spielt. Herr Schütz muss nur aus dem Fenster sehen: Schauen Sie sich Eschborn an, eine der reichsten Städte Deutschlands. Ist das ein Beispiel dafür, dass einem Budget ermöglicht, über intelligente Stadtentwicklungskonzepte nachzudenken? In prosperierenden Regionen müssen Nachfrage und Wachstumsimpulse nur ordnungspolitisch in Bahnen gelenkt werden, ohne über existenziellere Probleme auf entwicklungspolitischer Ebene nachzudenken. Dass mit Wachstum und Budget automatisch mehr Motivation oder fachliche Versiertheit der Akteure einhergehen, erschließt sich mir nicht im Geringsten, eher im Gegenteil!

Ich behaupte mal, dass in schrumpfenden Regionen die Akteure eine extrem hohe Motivation haben, auch ohne besondere Ressourcen und gegen alle Widerstände etwas zu bewegen, und das Thema Mischung spielt dabei eine große Rolle (siehe Phönix). Insofern beteiligen die sich vielleicht nicht an der Diskussion, weil sie schon viel weiter und bei der Umsetzung von Projekten sind.

Gerade in echten Schrumpfungsregionen bauen erfolgreiche Lösungskonzepte darauf, auf Brachen Mischnutzungen zu etablieren, Kernbereiche zu stabilisieren, durch Funktionsmischung die Attraktivität der verbleibenden Angebote zu steigern oder durch clevere Mobilität Raumwiderstände zu überwinden. Dazu braucht man kein besonderes fachliches Niveau, sondern gesunden Menschenverstand und vor allem ganz viel Herz! Und man darf natürlich seine Zeit nicht in akademischen Internet-Chats vertrödeln, wenn man etwas bewegen will, gelle? Aber wem sage ich das - am besten mir selbst!

Ein schönes kleines Beispiel aus Norhessen: http://www.vfr-werra-meissner.de/modell2.html
Kindheit•Zukunft
 
Tag 16
Koschny
27.09.2012, 15:28 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Anja Batke
Ich finde unsere Diskussion ist schon ein wenig privilegiert. Allein die Diskussion erfordert planerisches, soziologisches und rechtliches Wissen. Dabei sorge ich mich um die Städte und Kommunen, die allein aus Budget- und oder Kapazitätsgründen keine Möglichkeit haben, daran teilzunehmen oder gar solche Konzepte zu realisieren. Dabei gehe ich davon aus, dass es gerade die schrumpfenden Kommunen (Ostdeutschland, NRW, Saarland) mit hoher Arbeitslosigkeit, Bevölkerungsrückgang etc. betrifft.
Heimat•Arbeit · Kindheit•Zukunft
 
Tag 15
Anja Batke
26.09.2012, 12:03 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Koschny
Herr Koschny, Sie schreiben: "Problematisch sind in der Tat schrumpfende Städte, die weder das Budget noch die Motivation haben, sich mit solchen Prozessen auseinanderzusetzen."

Was genau meinen Sie damit?
Kindheit•Zukunft
 
Tag 14
Moderation
Timo Meisel
25.09.2012, 22:52 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Koschny
Muss eine "konfliktfreie Vekehrsplanung" nicht zwangsläufig zu Lasten des motorisierten Individualverkehrs gehen? Autoverkehr hat schließlich immense städtebauliche Auswirkungen: Flächenverbrauch, Flächenzerschneidung, Lärmbelästigung, Unfallgefahr... Ist Mischung hier nicht auch eine Strategie, um Verkehrswege, zum Beispiel durch fußläufige Arbeitswege, zu optimieren?
Bewegung•Aufenthalt
Koschny
25.09.2012, 17:14 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Timo Meisel
Das stimmt ja nicht so ganz, Städte wie Berlin, Hamburg, Paris, Mailand wachsen. Hier wird es wohl auch eher Ansätze für Mischnutzungen geben. Problematisch sind in der Tat schrumpfende Städte, die weder das Budget noch die Motivation haben, sich mit solchen Prozessen auseinanderzusetzen.

Aber zurück zur Frage:

Wenn ich ein Quartier entwickeln dürfte, würde ich zwar insgesamt eine Durchmischung von Handel, Wohnen, Arbeiten (Büro, Handwerk, Dienstleistungen) fördern, bevorzuge jedoch die kleinräumige, blockweise Trennung der Nutzungen. So lassen sich Konflikte, insbesondere Lärm vermeiden. Besondere Augenmerk (architektonisch und nutzungsstrukturell) sollte auf die Erdgeschossbereiche gelegt werden. Für Wohnen ist diese Lage nicht optimal geeignet. Es ist aber kaum möglich, weiträumige Erdgeschossbereiche mit Dienstleistungen zu füllen. Insofern sind blockweise sehr individuelle Konzepte gefragt (z.B.höher gelegte Erdgeschossbereiche)
Verkehrliche Konflikte lassen sich am durch die Hierachisierung von Straßen reduzieren, wenngleich eine Vermeidung nicht möglich ist. Dennoch halte ich es für notwendig, dass in den Ballungsräumen der Versuch einer konfliktfreien Verkehrsplanung nicht nur zu Lasten des motorisierten Individualverkehrs gehen darf. Denn sollte dies so sein, würde man von vorn herein die Nutzergruppen ausschließen, die den PKW benutzen wollen oder müssen.
Kindheit•Zukunft
Moderation
Timo Meisel
25.09.2012, 16:29 Uhr
In den Schwellenländern gibt es Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum mit der entsprechenden städtebaulichen Betriebsamkeit. In der westlichen Welt haben wir vermutlich immer mehr mit Schrumpfungsprozessen zu tun.
Um in der europäischen Stadt zu bleiben, würde ich die Frage gern so stellen: Wie müssen Stadtquartiere – auch verkehrsplanerisch – beschaffen sein, um einer schrumpfenden, älter werdenden Bevölkerung ein Lebensumfeld zu bieten, in dem sie produktiv wirtschaften kann?
Kindheit•Zukunft · Bewegung•Aufenthalt · Rahmenbedingungen
Koschny
25.09.2012, 16:29 Uhr
Mischstrukturen stehen und fallen mit einem funtkionierenden Mittelstand. Wenn wir uns jedoch anschauen, dass genau der Mittelstand im Moment in Deutschland wie auch in anderen europäischen Städten wegbricht, wird es auch schwer, gemischte Strukturen zu fördern. Die Staatsschulden wird der Mittelstand schultern müssen, ebenso wie der Mittelstand an die untere Gesellschaftschicht Transferleistungen finanzieren muss und darüber hinaus die Oberschicht zu unterstützen hat, die wenig zur gesellschaftlichen Wertschöfung beiträgt. Wo bleibt denn dann noch Raum nicht nur moralisch, sondern auch finanziell Mischstruturen zu unterstüzen. Insofern muss diese Diskussion nicht nur aus nutzungszrukturellen Aspekten sondern auch aus politischer Motivation geführt werden.
Kindheit•Zukunft
Andreas Schulten
25.09.2012, 12:26 Uhr
 
Was sagt der Moderator? Schaffen wir die Themen Erreichbarkeit (europäische Stadt) und Erschwinglichkeit industrieller Strukturen (moderner asiatischer Städtebau) in einem Strang weiter zu diskutieren?

Zu letzterem noch eine Zahl - aber wohl eher für die Diskussion in zwei bis drei Tagen: Nach aktuellem Baukostenindex (BKI) ist allein das gemischt genutzte Gebäude - also nicht das Quartier - um 16 bis 20 % teurer als das reine Wohngebäude. Bleiben wir, wenn überhaupt also nur bei der Mischung im Straßenblock? Vielleicht können einige unserer Fachleute über Erstellungs- und Pflegekosten von Mischquartieren berichten...

@Koschny: Wir sehen auch in der Wirtschaft, dass Europa nur selten in großindustriellen Prozessen mit den BRIC-Staaten konkurrieren kann. Logischerweise MÜSSEN wir uns in Europa auch im Städtebau den Manufaktur-Stil leisten können, oder?
Bewegung•Aufenthalt