Tag 10
Günter Baasner
21.09.2012, 10:20 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Timo Meisel
Vielleicht hilft es ein wenig zu differenzieren. 'Die Mischung' gibt es ja nicht.

Es gibt z.B. eine dörflich geprägte Form, ein enges Nebeneinander von Wohnen, Landwirtschaft, Handwerk etc. Hier dürften die Wege zur Arbeit kurz sein. Allerdings entwickeln sich viele Dörfer zu fast reinen Wohnorten. Dies führt nicht nur zu langen Wegen, sondern auch zu früher unbekannten Konflikten mit den verbliebenen Betrieben.

Es gibt Wohnquartiere mit einer guten Nahversorgung, die als urban und gemischt wahrgenommen werden. Der Anteil von Gewerbe ist i.d.R. aber recht gering (5 % oder mehr), im Planerdeutsch sind das Allgemeine Wohngebiete. Typisch hierfür sind z.B. zahlreiche Gründerzeitquartiere.

Sollen ausreichend Arbeitsplätze im Quartier bereit stehen, bräuchte man ein Mischungsverhältnis von ca. 1 : 2 oder 1 : 3. Zumindest in enger Nachbarschaft kann das schnell zu städtebaulich unbefriedigenden Situationen führen (Gemengelage). Derartig massiv eingestreute Bürogebäude oder sonstige Betriebe erhöhen nicht unbedingt die Wohnqualität und auch nicht die Standortqualität für das Gewerbe. Dieser Typus funktioniert nur recht eingeschränkt, z.B. am Cityrand. Ob die Bewohner deshalb tatsächlich in der Nachbarschaft arbeiten, steht auf einem ganz anderen Blatt.
Dieser Ansatz ist nicht neu und deshalb hierzu ein etwas ungewöhnliches Beispiel: Die Großsiedlung Köln-Chorweiler aus den 70er Jahren erhielt eine Einkaufspassage, ein paar Verwaltungsgebäude, ein benachbartes Gewerbegebiet und - gleich um die Ecke - das Bundesamt für Verfassungsschutz. Mit dem städtebaulichen Ergebnis ist heute kaum jemand zufrieden.

Planerisch wird das Mischgebiet gerne als Notlösung eingesetzt, etwa wenn ein Wohngebiet intendiert ist, aber die Immissionswerte nicht eingehalten werden können oder wenn ein Gebiet in ein anderes transformiert werden soll. Dies ist hier länger am Beispiel von Gewerbegebieten im Raum Frankfurt diskutiert worden.
Lebendigkeit•Erholung · Heimat•Arbeit · Gemeinschaft•Freiheit · Rahmenbedingungen
 
Tag 9
Moderation
Timo Meisel
20.09.2012, 15:06 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Anja Batke
Ich wollte mal mit dem Gedanken um eine Selbstverpflichtung spielen, "... sich nicht zu beschweren, wenn's auch mal schmutzig ist".
Gemeinschaft•Freiheit · Heimat•Arbeit
Anja Batke
20.09.2012, 13:30 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Timo Meisel
Bitte um Klärung: Wollen Sie, dass die Leute eine Selbstverpflichtung zum Kehren unterschreiben, oder eine sich nicht zu beschweren, wenn's auch mal schmutzig ist?

Kompromiss heißt, beide müssen nachgeben. Kompromiss hört sich immer so toll und "richtig" an. Ist es denn immer fair, Kompromisse zu fordern? Ich finde: Nein! Beispiel: Muss ein Gewerbebetrieb, der seit 30 Jahren am Standort ist, seine Betriebsabläufe ändern oder seine Rampe einhausen, weil sich zugezogene Bewohner über - sagen wir z. B. über Lieferverkehr mit 40-Tonnern um 6:00 Morgens beschweren?

Das Milieu, in dem einfaches Gewerbe gedeihen kann, ist in meinen Augen genauso sensibel gegenüber Verdrängungsprozessen und ebenso schützenswert, wie das Milieu eines Kiezes oder Veedels in einem preiswerten Wohnquartier.
Heimat•Arbeit · Gemeinschaft•Freiheit
Moderation
Timo Meisel
20.09.2012, 12:55 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Anja Batke
... will sagen, natürlich ist Miteinander nicht einfacher als Jeder für sich. Und Mischung zu wollen heisst auch, Kompromisse zu machen. Vielleicht ist eine Selbsverpflichtung juristisch zwar problematisch, moralisch aber ganz gut? Wir bei Zivilarena haben ja auch eine Etikette, die keine juristische Bindekraft hat. Aber jeder weiss, worauf er sich einlässt bzw. kann darauf verwiesen werden.
Gemeinschaft•Freiheit · Heimat•Arbeit
Moderation
Timo Meisel
20.09.2012, 12:42 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Anja Batke
... und deshalb kehrt jetzt jeder wieder vor seiner eigenen Haustüre? Klar, das läuft schon auch mal schief... (:
Gemeinschaft•Freiheit · Heimat•Arbeit
Anja Batke
20.09.2012, 12:35 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Timo Meisel
... in Berlin habe ich in den 80ern mit (schwäbischen) ex-Hausbesetzern in einem Selbsthilfeprojekt gewohnt. Wir hatten dort KEHRWOCHE!
Gemeinschaft•Freiheit · Heimat•Arbeit
Moderation
Timo Meisel
20.09.2012, 12:15 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Anja Batke
Liebe Frau Batke,

lange nicht alle Pioniere verspiessern. Oft wird der Vokü-Geist aus der Hausbesetzerzeit in die Baugruppe mitgenommen und es werden sozial integrierende Funktionen auch baulich mit eingeplant. In Berlin gibt es dafür viele Beispiele. Nur in Berlin? Muss man dem saturierten Westdeutschland denn alle Perspektiven auf zivilisatorischen Fortschritt absprechen? Nur Nymbys jenseits von Leipzig? Und Klagegeister, sobald der Rubel rollt?

Ihr schmunzelnder Moderator
Gemeinschaft•Freiheit · Heimat•Arbeit
Andreas Schulten
20.09.2012, 10:17 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Anja Batke
KÜCHENSCHUBLADE

finde ich für unsere Diskussion einen SEHR schönen Begriff. Danke!
Anja Batke
20.09.2012, 09:48 Uhr
... leider verspießern die Pioniere schneller als man denkt, kommen zu Geld und fangen an, Ansprüche zu stellen! Mein Lieblingsbeispiel aus der Praxis: Der Mann, der neben eine Waldenserkirche zog und nach einem halben Jahr gerichtlich erwirkt hat, dass die Glocken nach Hunderten von Jahren nicht mehr läuten dürfen. (Er wurde dann allerdings regelrecht aus dem Stadtteil gemobbt!)
Aus kommunaler Stadtentwicklungsperspektive würde ich es unbedingt vermeiden, mir genau die von Ihnen beschriebenen "Einmischer" als Bewohner in mein Gewerbegebiet zu holen - es sei denn, ich gebe die gewerbliche Entwicklungsperspektive des Gebiets ganz bewusst vollständig auf und nehme die Verdrängung der letzten Betriebe (sprich Gewerbesteuerzahler) in Kauf. Gerne innovative Formen von Arbeitsplätzen, Kultur, Freizeiteinrichtungen, aber Wohnen? Bloß nicht! Dass jeder beim Einzug eine Erklärung unterschreibt, auf alle Beschwerden, Klagen usw. zu verzichten, wäre juristisch fragwürdig. Allenfalls zeitlich befristete Wohnformen wie Studentenwohnheim, Boarding-House, Hotel, selbst ein Stundenhotel als die ultimative Form des befristeten (Bei-)Wohnens würde ich eher akzeptieren!
Bei unserem Projekt zu "Wildschweingebieten" haben wir gemerkt, dass es keine objektivierbaren Kriterien für Problemgebiete gibt. Vieles, was man zuerst als problematisch abstempelt, funktioniert bei näherem Hinsehen ganz gut und wird gebraucht. Jemand hat die Funktion solcher Gebiete innerhalb der Stadt mit einer Küchenschublade verglichen.
Gemeinschaft•Freiheit
 
Tag 8
Andreas Schulten
19.09.2012, 19:47 Uhr
Warum Mischnutzung, fragen Sie, lieber Herr Kohlbrenner - und machen einen Streifzug vom Quartier bis in die Wohnung. Gut so!
Ich komme darauf antwortend wieder auf das ökonomische zu sprechen, und zwar für alle Akteure, nicht nur die Eigentümer und Bauherren. Wenn man zu Mischnutzung anregt, erhält man Flexibilität und die Möglichkeit, mit der Zeit zu gehen. Das ist ökonomischer, als Monostrukturen alle 20 Jahre aufwändig zu modernisieren. Das neue daran ist: Das erkennen auch Immobilieneigentümer und -bauherren. Einige zumindest.

@Nina Brodowski - Gern präzisiere ich mein Bild von "den Kreativen" zu einer nicht armen und nicht reichen Gruppe von Menschen, die - politisch bewusst - bemüht sind, ihre Aufgaben selbst definieren zu können. Diese Gruppe wächst nach meiner Beobachtung in den deutschen Städten stetig, wählt häufig grün, reist viel, zeigt sich medienkritisch und mischt sich ein. Diese Menschen sind sich als Pioniere schon bewusst, dass sie auch mal auf eine Kita oder einen Spät verzichten können. Wollen wir es ihnen in den Problembereichen unserer Städte nicht ermöglichen? Ich will ja nur einen Nebenschauplatz, zusätzlich zu den eher romantisierten, urbanen Allround-Quartieren aufmachen, um die Funktionsmischung als Prinzip diskutieren zu können.
Rahmenbedingungen
Kohlbrenner Urs
19.09.2012, 12:38 Uhr
 
Ich hätte gerne mal über die "Körnigkeit" bei der Mischnutzung diskutiert.
Wenn ein Gebiet aus mehreren Blöcken besteht kann der eine Wohnen, der andere Gewerbe der dritte Infrastruktur beinhalten- ist doch ein gemischt genutztes Gebiet oder?
In einem Block könnte auch auf einem Grunstück ein Wohnhaus, daneben ein Bürogebäde etc. sein. Ist doch ein gemischt genutzter Block.
Auf einemGrunstück kann ein nicht störnder Gewerbebetrieb ein Wohn und Geschäftshaus stehen...
In einm Gebäude kann unten ein Laden darüber Dienstleistungen und Wohnen sein...
In der Wohnung kann man seinen Arbeitsplatz haben oder im Atelier wohnen...
Welche Mischnutzung steht für welches Konzept, wie entsteht Urbanität (und müssen allle Orte in der Stadt "urban" sein) ? Warum und wo und für wen welche Form der Mischnutzung?
Rahmenbedingungen