Tag 8
Anja Batke
19.09.2012, 12:30 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Timo Meisel
... bei diesem Thema kann ich nicht widerstehen, da mein aktuelles Projekt ("PIG - Innenentwicklung in bestehenden Gewerbegebieten") um das Thema Entwicklungsperspektiven älterer GE-Gebiete kreist: die so genannten Wildschweingebiete.

In der Rhein-Main-Region habe ich mir einen Haufen dieser Gebiete angesehen. Nur ein sehr kleiner Teil eignet sich m. E. für eine kreativ-urbane Mischung. Innenstadtnähe und Erreichbarkeit sind gut. Noch besser ist eine leerstehende, ältere, massive und interessante Bausubstanz mit industrieller Prägung, möglichst eine gewisse Bandbreite von verschiedenen Gebäuden. Ein leerer 650qm-Discounter z. B. ist nur arm, aber nicht sexy! Nicht nur muss die Stadt dulden, zunächst müssen die Eigentümer die Nutzungen zulassen, d.h. die Immobilie muss mit einer roten Null in den Büchern stehen. Solange noch Hoffnung auf eine wirtschaftliche Verwertung besteht, wird es schwierig.

In Hamburg scheint es leichter zu gehen. Wir müssten hier in Rhein-Main erstmal noch 5 Ardi Goldman's klonen. Die entsprechende Nachfrage kann man leider auch nicht herbeireden, indem man den ganzen Tag murmelt: "Wir sind Metropole, wir sind Metropole". Ein Problem der Region (vielleicht Offenbach ausgenommen) ist ihre Saturiertheit; es fehlt hier die Subkultur und die kritische Masse von kreativen, politisch denkenden und experimentierfreudigen jungen Leuten. Meine eigene Bio ist da vielleicht stellvertretend. Wir sind vor 16 Jahren vom Helmholtzplatz am Prenzlauer Berg nach Frankfurt "segregiert", weil die Region den verlässlicheren Arbeitsmarkt geboten hat. Hier kommt man nicht aus kreativer Abenteuerlust her, sondern um Geld zu verdienen. (Außerdem, Herr Nöthen, sind die Straßen in Berlin so breit, dass ich in der Zeit, in der ich in Berlin zwei Straßen überquert habe, durch die komplette Frankfurter Innenstadt gelaufen bin!).

Auch noch mal zurück zum "Erdbeeraroma aus Sägespänen": Wenn der Raum für Kreativität von Stadt und Planern den auf dem Silbertablett präsentiert wird - ist er dann überhaupt noch reizvoll? Gehört nicht, wie in Hamburg, das Erobern gegen Widerstände und der Konflikt um die Nutzung mit dazu, damit das ganze Erfolg hat? Kann/soll man Kreativwirtschaft analog der Technologie- und Gründerzentrum der späten 80er unterstützen?

Aus Sicht einer Stadt ist die Sache ambivalent: In den älteren Gebieten sitzen ja in der Regel noch alteingesessene "echte" Gewerbebetriebe. Deren Standortbedingungen haben sich kontinuierlich verschlechtert, weil andere Nutzungen eingedrungen und Gemengelagen entstanden sind. Die Städte weisen zwar neue Gewerbegebiete aus, tatsächlich gibt es kaum echte Neuansiedlungen, sondern allenfalls Verlagerungen innerhalb der Region. Die noch vorhandenen Gewerbesteuerzahler müssen also unbedingt gehegt und gepflegt werden, damit sie in der Kommune bleiben! Vor diesem Hintergrund kann es für die Stadt sinnvoll und notwendig sein, die Gebiete nach Möglichkeit baurechtlich so zu steuern, dass andere Nutzungen und insbesondere das Wohnen rigoros aus den Gebieten rausgehalten werden.

Eines der Gebiete, die wir untersucht haben, wird sich jedoch in die hier andiskutierte Richtung entwickeln. Asiatischer Lebensmittelhandel, religiöse Einrichtungen, Line Dance im leer stehenden Getränkemarkt, Yoga, türkische Feierhalle und auch Wohnen sind bislang die Folgenutzungen - neben dem alteingesessenen Familienbetrieb, der den Weltmarkt mit Mess- und Regeltechnik beliefert. Die Stadt ist für alles offen. In der Überregulierung liegt hier tatsächlich ein Hemmnis: Ein Gebiet, wie es dort im Enstehen ist, darf es laut BauNVO garnicht geben!

Grundsätzlich glaube ich, dass man mit gutem Willen und unter Ausnutzung aller Ermessenspielräume auch im Rahmen bestehender Regularien guten Städtebau machen kann, wenn man denn eine Idee hat, und dass die Städtebaumisere nicht mit Überregulierung zu entschuldigen ist. Die BauNVO ist allerdings tatsächlich in vielen Punkten ein Klotz am Bein!
Gemeinschaft•Freiheit · Heimat•Arbeit · Rahmenbedingungen
Wanda Wieczorek
19.09.2012, 10:47 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Timo Meisel
Mir fällt dazu wieder einmal das geniale Park Fiction Projekt aus Hamburg ein: da haben sich ganz unterschiedliche "anwohnende Personen" - Künstler, Sozialarbeiter, Gewerbetreibende, Politaktivisten, Hausfrauen, Lehrer, Kinder usw. - mit recht unterschiedlichen sozialen Hintergründen zusammengetan, um für eine Brachfläche am Hafen eine eigene Planung vorzulegen. Damit sollte eine Bebauung dieser Lücke verhindert werden, und das gelang letztlich auch. Worauf es aber ankommt ist, dass man hier mit einer so genannten "parallelen Planung" einen besseren Entwurf gemacht hat, als es der Investor mit dem fünfstöckigen Büroriegel konnte. Das beweist sich heute, wenn der Park kräftig zur Beliebtheit und Attraktivität von St. Pauli Süd beiträgt (und damit auch wieder zur Verdrängung der Planenden, aber das ist eine andere Geschichte).
Jetzt ist das natürlich ein Beispiel, in dem ein durchaus heftiger Konflikt am Anfang stand. Ich frage mich aber, ob man nicht daraus lernen kann, wenn es um die Planung von neuen Gebäuden oder ganzen Gebieten geht. Gerade wenn darin eine lebendige Mischung entstehen soll, lässt sich dies doch kaum ohne diejenigen machen, die diese Mischung ausmachen. Brauchen wir nicht noch viel mehr - oder überhaupt - Konzepte dafür?
Gemeinschaft•Freiheit
Moderation
Timo Meisel
19.09.2012, 09:39 Uhr
Impuls 
Es gibt also viele verschiedene Akteure von Mischung - genannt wurden die "Kreativen", Investoren, Verwaltung usw. Wie kann deren Zusammenspiel denn so organisiert werden, dass tatsächlich eine gelungene Mischung dabei herauskommt? Kennt jemand Beispiele? Und kann man damit sogar problematische Bereiche, eben wie das brach liegende Gewerbegebiet wiederbeleben?