Tag 16
Sigrid Wienhues
27.09.2012, 14:55 Uhr
Kommentar zum Beitrag von
Ich stimme zu, dass gesetzliche Bestimmungen häufig sehr enge Grenzen setzen. Allerdings ist auch zu bedenken, dass häufig "angeblich" gesetzliche Entscheidungen auch zur Rechtfertigung für die Verhinderunge gewünschter Nutzungsmischungen und/ oder zur Begründung angeblicher Abwehransprüche herangezogen werden, obwohl es sich eigentlich um technische Regelwerke handelt, die nur die Entscheidungsfindung lenken und unterstützen sollen. So sieht etwa die TA Lärm "Richtwerte" und keine "Grenzwerte" fest.
Wenn man über diese Werte diskutiert, dann kann man weiter fragen, ob die in der TA Lärm zurzeit vorgesehene Außenpegel außerhalb von Gebäuden der zutreffende Weg ist, wenn es um Gesundheitsschutz geht.
Schließlich stellt sich das Problem, wie in Gemengelagen und gewachsenen Strukturen mit den Vorbelastungen umzugehen ist. Solange es in vielen Städten keine grundlegenen "Lärmsanierungen" gibt, schließen bereits diese Vorbelastungen viele Nutzungs- und Durchmischungsmöglichkeiten zumindest bei einer Orientierung an "Richtwerten" aus.
Zusammenfassend stelle ich fest: Schon im Rahmen der geltenden gesetzlichen Regelungen wären größere Entscheidungs- und damit Gestaltungsspielräume gegeben, wenn individuelle und nicht schematische Bewertungen vorgenommen werden. Leichter handhabbar wäre es sicherlich, wenn es auf kommunaler Ebene planerische und/ oder auf Bundesebene gesetzgeberische Entscheidungen gäbe, die den Zulassungsrahmen mit Blick auf Lärm einheitlich und im Ergebnis sogar genauer als bisher definierten.
Gemeinschaft•Freiheit
Wolfi
27.09.2012, 14:02 Uhr
Kommentar zum Beitrag von
Auch hier bitte die TA Lärm nicht vergessen! Wir regeln über Gesetze die Durchmischung der Stadt zu Tode! Jahrelang hat z.B. die Politik gefordert, dass die Lebensmittelvollversorger bitte nicht auf die "Grünen Wiese" sondern in die Innesntadt gehören. Es wurden Zentrenkonzepte entwickel, die eine Ansiedlung auf der "Grünen Wiese" verhindern. Jetzt wollen die Lebensmittelvollversorger in die Innenstädte! Und was macht der Gesetzgeber? Er reguliert die Lärmschutzwerte so weit herunter, dass die Anlieferung am Abend oder dem frühen Morgen nicht erfolgen soll. Tagsüber bitte auch nicht, damt der Verkehr möglichst nicht behindert wird. Und wie sollen die Lebensmittel in die (Kühl-) Regale kommen? ...Lösungen ? ....Fehlanzeige!

Wir erleben immer mehr eine Politik nach dem Motto: "Wasch mir den Pelz.."
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Tag 14
Sigrid Wienhues
25.09.2012, 19:48 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Frank G.
Es wird angesprochen, dass Wohnnutzung in bisherigen Gewerbegebieten (störende) Gewerbebetriebe aus der Stadt verdränge. Damit wird zu Recht auf den Konflikt hingewiesen, wer eigentlich wen stört. Zu viel Wohnnutzung in der Nähe eines Gewerbebetriebes führt in der Tat dazu, dass dieser ggf. erforderliche Änderungen und Erweiterungen aufgrund gesetzlicher und technischer Vorgaben nicht mehr durchführen kann und damit evtl. vom angestammten Standort "verdrängt" wird. Hier "stört" die Wohnnutzung, nicht das Gewerbe. Für "störende" Gewerbe (solche, die mit starken Immissionen wie Geräuschen, Geruch oder Staub verbunden sind) ist das eine wirkliche Gefahr, der am besten mit klaren planerischen Aussagen begegnet werden kann. Gleichzeitig sollte Planung aber auch darauf reagieren, dass manches ursprünglich (störende) Gewerbegebiet nur noch mit Dienstleistungsbetrieben bestückt ist. Hier steht eine alte planerische Aussage häufig der Zulassung von Wohnnutzung entgegen. Auch dem könnte durch entpsrechende Überplanungen abgeholfen werden, ohne das existierende Betriebe betroffen werden. Denn ohne planerische Aussage ist die Zulassung von Wohnnutzung immer nur in einem aufwändigen Verfahren zulässig (sog. Befreiung vom geltenden - wenn auch bereits überlebten - Planungsrecht).
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Tag 8
Nina Brodowski
19.09.2012, 09:20 Uhr
Hier der Link

http://www.hamburg.de/pressearchiv-fhh/2051952/2010-01-19-bsu-kreative-milieus.html

Und Verzeihung für die Eile im Schreiben, als Kreative mit Kind habe ich gerade nur geteilte Aufmerksamkeit...
Rahmenbedingungen
Nina Brodowski
19.09.2012, 09:18 Uhr
Also gerade diese Beispiel finde ich extrem schwierig... Immer diese Vorstellung von den kreativen Pionieren! Wie viele sind es denn defacto? Und was ist, wenn diese Kreativen Familie haben und auch Kitas in Ateliernähe brauchen? Und eine Späti um Bier zu kaufen?

Ich meine ja nur, diese Vorstellung von dem "kreativen" Single ist komplett hinfällig! Und Netzwerke sind auch für das kreative Arbeiten wichtig (es gibt dazu eine Studie "Kreative Milieus" die im Auftrag) der Hansestadt Hamburg entstanden ist - ich such dazu mal den Pdf Link raus).

Das wir uns nicht falsch verstehen: Klar diese alten Gewerbegebiete (City Nord, City Süd und wie sie alle heißen) sind die totale Herausforderung - und bestimmt müssen wir hier darüber nachdenken, wie sich das Wohnen hier wieder unkompliziert integrieren lassen kann! Damit dann da aber auch gewohnt wird braucht es mehr als ein paar Lofts: Dazu gehört zum einen eine bessere ÖPNV Anbindung, dazu gehören vielleicht innovative Formate wie Förderwettbewerbe für kleine Einzelhändler / Späti, der auch Poststelle und Lebensmittelladen umfasst, etc. und dazu gehören auch recht günstige Möglichkeiten des Umbaus, sodass nicht nur Lofts sondern auch Proberäume für kleine Kulturelle Einrichtungen entstehen oder gedultet werden können. Duldung ist hier übrigens ein wichtiges Instrument der Stadtverwaltung.... Und auch der Immobilieneigetümerinnen
Bewegung•Aufenthalt
Frank G.
19.09.2012, 09:15 Uhr
Gut, evtl. war das Beispiel Druckerei schlecht gewählt - dann ersetze ich es eben durch Autowerkstatt und bleibe dabei, dass solche Nutzungen nicht zwingend in innerstädtische Quartiere gehören, damit dieses attraktiv ist.
Und gerade für anderes "störendes" Gewerbe sind Gewerbegebiete ideal. Außerdem denke ich nicht, dass es sonderlich viel Sinn macht Gewerbegebiete umzunutzen. Denn was wäre denn die Folge? Betriebe finden in den Städten keine Flächen mehr um zu expandieren oder sich anzusiedeln (Neuansiedlung sind zwar selten, kommen aber vor), also werden im Umland immer neue Flächen geschaffen mit allen Folgen wie Versiegelung, fehlende Steuereinnahmen in den Städten und zusätzlicher Verkehrm so das man letztlich wieder bei einer Funktionstrennung landet und von Mischung kann keine Rede mehr sein. Außerdem würde die Verdrängung von Gewerbe aus der Stadt dazu führen, dass den Menschen, die eh schon nicht zu den Topverdienern zählen, weitere Mobilitätskosten aufgezwungen werden.

Und zu den Kreativen und Künstlern: Ich kenne auch Künstler die es attraktiv und spannend finden im Plattenbau in Marzahn zu leben, dennoch zeigt die Geschichte doch dass man Großwohnsiedlungen in der Form für gescheitert erklären muss.

Und ausländische Studenten will man nicht in Wohnheimen haben? Habe ich so noch nicht gehört und selbst wenn es so wäre, sind Gewerbegebiete dann wohl mit Abstand die schlechteste Lösung.
Heimat•Arbeit
Nina Brodowski
19.09.2012, 09:10 Uhr
Kommentar zum Beitrag von
Frau Batke,
erst einmal muss ich sagen, dass ich alle Ihre Argumente und Beiträge komplett teile!

Vor allem bei der offenen Planung und der sukzessiven Programmierung von Neubauflächen bin ich komplett dabei! uIch fasse das immer unter dem Stichwort "Dynamische Planung" - also Planung, die auch mit dem Faktor Zeit plant! Und da geht es auch darum, welche baukulturellen Lösungen sich eignen .. .Sonne, Schatten, Fluchten und Plätze, (menschliche) Dimensionen - das halt auch unter dem Augenmerk der sukzessiven Planung und Bebauung. Ich dneke sehr wohl, dass hier auch von der Immobilienwirtschaft gelernt werden muss, nachhaltiger im Sinne von noch langfristigere Zeiträume für Renditeerwartungen zu denken....

Den Begriff systemische Planung finde ich aber auch ganz wundervoll und auch die Idee, dass gerade in Neubaugebieten Gemeinwesenarbeit im Sinne von begleiteten Kommunikationsprozessen stattfinden soll, finde ich großartig! Wir sollte das KUNST AM BAU Geld dafür verwenden - im Sinnen eines progressiven Kunstbegriffs (communtiy based art)!

Die Frage nach Einzahlung/Bau von sozialen Einrichtungen, Herr Denkel, finde ich auch gut. Das liesse sich ähnlich wie die Kunst am Bau-Regelung ggf. andenken.

Es folgt gleich noch ein Kommentar zu Andreas Schulten.
Rahmenbedingungen
 
Tag 7
Andreas Schulten
18.09.2012, 23:31 Uhr
Kommentar zum Beitrag von
Eieiei! Ein letzter Beitrag für die Nacht.
Wie wollen wir weiter diskutieren? Ökonomie..., Baukultur... und Frank G. sagt, dass Druckereien in Gewerbegebiete gehören. Letzteres stimmt eben nicht mehr. Wir haben ja keine Druckpressen mehr, sondern große Kopierer, so wie sie auch in unseren Büros stehen. Normale Druckereien gehen überall.

Hier ein Versuch, die Fäden zusammen zu nehmen: Ist es ökonomisch sinnvoll, die dahin siechenden Gewerbegebiete der 70er Jahre, in denen eine Mischung aus Flächen-Vorratshaltung, Untervermietung und drohender Insolvenz zum Patt führt, durch Wohnnutzungen zu wiederbelebten städtischen Quartieren zu machen? Von NO-GO-Areas zu GO-Areas? Ich kenne einige Kreative, die das chic finden, in einem Gewerbegebiet zu wohnen. Es gibt Parkplätze, das Grundstück ist groß und billig und es gibt den Blick in den Himmel. Gibt es andere soziale Milieus, die den Kreativen folgen würden? Ausländische Studenten, die man in den Wohnheimen nicht haben will? Kann man hier gar den so dringend benötigten preiswerten, frei finanzierten Wohnungsbau schaffen?

Ökonomisch reizvoller als drittklassige Gerüstbau-Betriebe ist Wohnungsbau auf den verfügbaren Gewerbeflächen allemal. Was sagen dazu die Juristen? Kann Funktionsmischung im Sinne von Ökonomie, Vitalität und Baukultur soweit gehen?
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Anja Batke
18.09.2012, 22:44 Uhr
Kommentar zum Beitrag von
... mag sein, dass Immobilienwirtschaft das soziale Miteinander im Stadtteil nicht nachvollzieht. Gravierender finde ich aber, dass die planende Verwaltungen die Wechselwirkungen zwischen B-Plan-Festsetzungen und Bodenmarkt oft nicht versteht, wie Sie zu Beginn der Diskussion schon mal angemerkt hatten. Ich teile diese Auffassung.
Das sind tatsächlich unterschiedliche Denkweisen. Es fehlt zum einen am entsprechenden Wissen. In der Planerausbildung der geburtenstarken Jahrgänge, die momentan alle Verwaltungen bevölkern, spielte dies keine Rolle. Aber es gibt zum anderen auch eine mehr oder weniger latente Kapitalismusfeindlichkeit ("Bauträgerarchitektur" und "Investorenplanung" sind negativ besetzt), auch in der Kommunalpolitik. Der Satz "Die wollen ja nur Geld verdienen!" ist im Zusammenhang mit Bauprojekten mit Sicherheit in vielen Stadparlamenten schon gefallen.
Es wäre sicher hilfreich bei der Suche nach guten städtebaulichen Lösungen, wenn es mehr Austausch gäbe. Wenn ich mich so umsehe, vermisse ich auch ein gemeinsames Bemühen um "Baukultur". Darunter versteht vermutlich jeder etwas anderes.
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Dr. Markus Vogel
18.09.2012, 21:38 Uhr
 
Wenn ich mir die Diskussion bis heute so anschaue, so kann ich zumindest eine lernen: Mischung wird sehr unterschiedlich definiert und verstanden.

Die Immobilienwirtschaft versteht unter Mischnutzung (fast) immer die Zusammensetzung unterschiedlicher Funktionen und Nutzungen in einem Raum oder im Stadtquartier. Und an diese kleben wir – die Immobilienwirtschaft - einen Euro. ! Also: Läden x € + Wohnen x € + Büro x € + Kulturelle Nutzung x € = Gut gemischt (!) - so wie ein gelungener Cocktail, der
a) besser schmeckt, als nur seine einzelnen Bestandteile und (!)
b) teurer verkauft werden kann, als die einzelnen Zutaten gekostet haben.

Ja, das wäre toll: Dann hätten wir beides zusammen: Die gewünschte Mischung UND die Ökonomie. Eine Utopie?

Was ich hier – und das muss man für die Immobilienwirtschaft insgesamt feststellen – aber auch lernen darf: Ist ein Verständnis und das Hinterfragen der Zusammensetzung der Milieus.

Zugegebenermaßen hat die Immobilienwirtschaft das bisher nur beim Einkaufen (neudeutsch: Shopping) entdeckt. Da kennen wir unseren Einkäufer genau. Stichwort: Sinus-Milieus. Und ordnen ihn nach seinen Präferenzen in Schubladen ein.

Vielleicht liegt die Wahrheit in der Mitte: Ein bisschen Funktionsmischung ja, aber auch ein bisschen Stabilität im Milieu?

Das Thema Milieu–Mischung - so will ich es jetzt mal nennen - und die ökonomischen und stadtwirtschaftlichen Effekte aus den jeweiligen Milieu-Zusammensetzungen bedürfen einer besonderen Betrachtung. Und hier sehe ich, dass die Immobilienwirtschaft noch lange nicht alle Aspekte des Miteinanders im Stadtteil verstanden hat.
Rahmenbedingungen