Tag 4
Prof. Dr. Maren Harnack
15.09.2012, 14:21 Uhr
Philippe, wie meinst Du das mit den Immissionswerten?
Philippe Cabane
15.09.2012, 12:43 Uhr
Vincent Kaufmann (ETH Lausanne) hat in einer Studie Wohnstandortpräferenzen von Familien nach unterschiedlichen Lebensstilen untersucht. Interessantes Konzept, wonach nur etwa ein Viertel der Familien im verdichteten städtischen Umfeld wohnen möchte. Das sind die traditionellen bürgerlichen Oberschichten und die eher umweltbewussten Familien, welche die Dichte wegen der geringeren Weg-Distanzen schätzen. Mehr unter:
http://www.nfp54.ch/e_projekte_infrastruktur.cfm?Projects.Command=details&get=3&kati=1

Die französischen Raumsoziologen untersuchen dieses Phönomen unter dem Begriff «modes de vie».

Interessant ist auch eine Studie von Etienne Piguet, die eine «Rückkehr zur Stadt» nachweist, diese aber in erster Linie junge Doppelverdiener betrifft. Sobald sie eine Familie gründen, wandern die meisten in eine grünere und vor allem sicherere Umgebung ab. http://www2.unine.ch/geographie/page-2772_en.html

Das wäre vielleicht ein Ansatz Immissionswerte nicht universell, sondern nach sozialen Milieus zu differenzieren. Das Gesetz differenziert das Recht auf Immission ja auch schon in Bezug auf wirtschaftliche Aktivitäten. Warum also nicht auch nach Lebensstil der Quartierbewohner?
Rahmenbedingungen
Andreas Schulten
15.09.2012, 12:27 Uhr
Ja, und auch die Frage: Maßstäbe für wen?

Denn unser Thema hat ja eine gesellschaftliche Relevanz. Und dann ist der Schritt von persönlichen Maßstäben zu gemeinschaftlich akzeptierten Maßstäben (KOMPROMISS) immer im Fokus. Ich fände es richtig die TA Lärm, das BImschG und alle weiteren rechtlichen Regelungen noch einmal aktuell auf den Prüfstand zu stellen. Oder?
Rahmenbedingungen
Philippe Cabane
15.09.2012, 12:15 Uhr
Das führt zur Frage von unterschiedlichen Bewertungsmassstäben sowohl von unterschiedlichen Lebensstilen als auch Lebensabschnitten...
Andreas Schulten
15.09.2012, 11:06 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Anja Batke
Herzlichen Glückwunsch, Frau Bakte! Mit der Verwendung des Begriffs "Bewertungsmaßstäbe" haben Sie sich für einen Sonderpreis qualifiziert - einen gemeinsamen Lunch in Frankfurt a.M. Ich melde mich im Oktober zur Terminabstimmung.

Die Projektleitung ;-)
 
Tag 3
Philippe Cabane
14.09.2012, 13:13 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Anja Batke
Frau Batke, vielen Dank für dieses Statement. Sie treffen den Nagel auf den Kopf!
Anja Batke
14.09.2012, 13:06 Uhr
In Hessen haben 40 % der Kinder in Betreuungseinrichtungen einen Migrationshintergrund. Die Tendenz ist steigend. Die Milieus der Menschen mit ausländischen Wurzeln sind ebenso vielfältig wie die der deutschen Bevölkerung. Ich bin zwar Großstadtmensch, vor 12 Jahren hat es mich jedoch (weil das Geld für die sanierte Altbauwohnung dann doch nicht reichte) in eine Frankfurter Reihenhaussiedlung verschlagen. Meine Nachbarn sind mittlerweile Italiener, Griechen, Kanadier, Türken, Kroaten und Chinesen in verschiedenen Mischungsverhältnissen. Nur drei von sieben Häusern in einer Reihe werden dort nach diversen Eigentümerwechseln von Familien mit zwei deutschen Lebenspartnern bewohnt.
Will sagen: Segregation ist m. E. vor allem eine Frage von Milieus und weniger von Ethnien, insbesondere, wenn es sich nicht um die erste Einwanderergeneration handelt. Die nachfolgenden Generationen der Einwanderer, denen der soziale Aufstieg gelingt, segregieren sozusagen selbst und sind mächtig stolz darauf! Insofern, sollte man versuchen, sich in diesem Punkt zu entkrampfen, wie sie sagen gelassen zu bleiben und den ethnischen Aspekt bei der Diskussion um Segregation nicht zu sehr in den Vordergrund zu stellen.
Persönlich gebe ich zu, dass ich mich zwar auch gerne in einem sozial und ethnisch bunten, urbanen Umfeld aufhalte und meine Mittagspausen im Frankfurter Bahnhofsviertel sehr schätze (... mal abgesehen vom Elend der Obdachlosen- und Drogenszene).
Man muss aber auch ein bisschen ehrlich zu sich selbst sein: Dieses Umfeld ist für viele auch ein Image, eine coole Kulisse oder eine gastronomische Bereicherung: Let's go slumming. Mancher neigt dazu, diese Kulisse zu romantisieren, und meint, offen zu sein und dazuzugehören, weil man beim Kauf von Lammkoteletts ein paar nette Worte mit "seinem" türkischen Metzger wechselt.
Das geht gut, solange man nur für sich selbst verantwortlich ist. Spätestens wenn Kinder im Spiel sind, kommt es zum Schwur: Dann ändern sich Prioritäten und die Bewertungsmaßstäbe, was als ein positives Wohnumfeld wahrgenommen wird. Dann ist es mit der Integrationsbereitschaft so eine Sache, insbesondere bei der Wahl der Schule. So lange, wie das Schulsystem so ist, wie es ist, liegt hier eine Sollbruchstelle: Bei aller Toleranz und Begeisterung für Mischung und urbanes Leben, wenn es um die eigene Brut und deren vermeintliche Bildungschancen geht, bleiben gesellschaftliche Idealvorstellungen in der Regel außen vor.
Heimat•Arbeit · Kindheit•Zukunft
Prof. Dr. Maren Harnack
14.09.2012, 10:47 Uhr
So lange die Bewohner die Chance haben diese Quartiere irgendwann zu verlassen und nicht aus Mangel an Alternativen ihr Leben lang dort bleiben müssen spricht meiner Meinung nach wenig dagegen.
Gemeinschaft•Freiheit · Heimat•Arbeit · Kindheit•Zukunft
Prof. Dr. Maren Harnack
14.09.2012, 10:35 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Timo Meisel
Homogen in welcher Hinsicht? Und auf welche Weise stabil? Siebel sagt, dass eine anfängliche, freiwillige ethnische Segregation das neu ankommenden Migranten bei der Integration hilft – aber auch, dass die aufnehmende Gesellschaft zur Integration bereit sein muss und dass der Arbeitsplatz nach wie vor essentiell ist für die Integration. Das heißt nur, dass man Segregation in einem gewissen Rahmen zunächst einmal gelassenen hinnehmen sollte, nicht dass Entmischung und Segregation gundsätzlich unproblematisch sind! Es geht auch um unseren Blick auf die Segregation und die damit verbundene Bewertung: reiche Leute segregieren sich sehr gerne und sehr erfolgreich, ohne dass man dort Interventionsbedarf sieht. Dazu braucht es nicht einmal so krude Entwicklungen wie die bei uns zum Glück noch nicht sehr verbreiteten Gated Communities.
Gemeinschaft•Freiheit · Heimat•Arbeit · Kindheit•Zukunft
Moderation
Timo Meisel
14.09.2012, 10:35 Uhr
Wir werden zum Thema soziale Mischung heute Nachmittag einen Magazinbeitrag der Stadtforscherin Nina Brodowski bekommen, der dieser These – Nachbarschaften mit ähnlichem Lebensstil und Status seien stabiler – nachgeht. Stabilität bedeutet darin: Stabilität des sozialen Zusammenenhalts und der wahrgenommenen Zugehörigkeit. Klar, das kann man kontrovers sehen. Und es heisst noch lange nicht, dass das eine gute, wünschenswerte Entwicklng ist.
Philippe Cabane
14.09.2012, 10:34 Uhr
Was spricht gegen Chinatown? Was spricht gegen das Rollbergviertel? Was spircht gegen Sun City? Was spricht gegen Pregnancy Hill (Prenzlauer Berg) ? Was spricht gegen Dharavi?
Dr. Markus Vogel
14.09.2012, 09:53 Uhr
Kommentar zum Beitrag von Timo Meisel
Welche Forschung behauptet das? - und von welcher Nachbarschaft sprechen wir?, Was meinen Sie/Wir alle eigentlich mit Stabilität? Und woran macht sich diese fest? - Ich kann dem so einfach nicht ganz folgen.

Betrachtet man die in Deutschland bevorzugt im Westen in den 50er bis 80er Jahren entwickelten reinen Wohngebiete und fahren dort heute durch, so sehen wir Seniorenheime für eine oder zwei Personen mit vielen leerstehenden Wohnhäusern, gerade im ländlichen oder unbesiedelten Raum.

Auch die Wohnsiedlungen in den nachgefragten Städten, die bei Ihrer Errichtung durchaus von homogenen Bevölkerungsgruppen als Wohn- und Lebensstandort gewählt wurden, haben sich nicht so stabil und flexibel weiter entwickelt, wie die Stadträume, die durch Ihre Mischung von Raumangeboten, Bevölkerungen und Nachfragern, das Hin- und Weg von Bewohnern und Nutzern aufnehmen konnten.

Einfache Gegenfrage: an welchen Standorten in den Städten Deutschlands werden denn am häufigsten für viel Geld Quartiersmanager eingesetzt? Und warum?
Gemeinschaft•Freiheit · Kindheit•Zukunft
Moderation
Timo Meisel
14.09.2012, 08:55 Uhr
ImpulsKommentar zum Beitrag von Linnea
Zur sozialen und kulturellen Mischung: Die Forschung behauptet, dass homogene Nachbarschaften stabiler sind. Soziale Netzwerke seien stärker, wenn Lebensstil und ökonomischer Status sich ähneln. Ungesteuert entmischen sich Stadtviertel tendenziell, was man in den angelsächsischen Ländern gut beobachten kann. Ist soziale Mischung ein frommer Wunsch? Warum wünschen wir sie uns? Linnea und Maren Harnack haben dazu ja schon Argumente angeführt.
 
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