Im Landkreis Sigmaringen ist der Konversionsprozess im vollen Gange. Die Oberschwabenkaserne in Mengen-Hohentengen ist 2012 geschlossen worden, die Graf-Stauffenberg-Kaserne hat spätestens Ende 2015 ausgedient. Für die betroffenen 10 Kommunen ergibt sich eine historische Möglichkeit, mit frischen Ideen den Wandel von der militärischen hin zur zivilen Nutzung der Flächen zu gestalten.

 

Militärische Konversion, also die Überführung ehemals militärischer Flächen in eine zivile Nachnutzung, betrifft mittlerweile sehr viele Kommunen in Deutschland. Die schrittweise Abrüstung auf internationaler und nationaler Ebene führt dazu, dass Armeestandorte und Kasernen geschlossen werden und die frei werdenden Flächen eine neue Bestimmung suchen. Auch die seit dem Jahr 2011 beschlossene Bundeswehrreform trägt ihren Teil dazu bei. So haben sich auch im Landkreis Sigmaringen Konversionsaufgaben ergeben: Recht absehbar mit der Schließung der Oberschwabenkaserne in Mengen-Hohentengen im Jahr 2012, und etwas unerwarteter im Fall der Graf-Stauffenberg-Kaserne am Rand von Sigmaringen in den Jahren 2014 und 2015.

Die Kommunen im Konversionsraum

Wie in vielen anderen Städte und Kommunen lebten auch die Bürgerinnen und Bürger im Landkreis Sigmaringen lange in gutem Einvernehmen mit den Soldaten und ihren Familien. Die militärischen Einrichtungen stärkten mit ihrer Nachfrage die lokale Wirtschaft, die in ihnen beschäftigten Menschen wurden zu Nachbarn und Freunden. Mit ihrem Abzug bricht eine neue Ära für den Landkreis an. Nun geht es darum, sich von den Kasernen zu verabschieden und eine Zukunft für die Region auf neuen Standbeinen zu entwerfen. Die Tatsache, dass es um Flächenpotenziale von über 200 Fußballfeldern in Sigmaringen und 70 Fußballfeldern in Mengen-Hohentengen geht, macht die Konversion zu einem regionalentwicklungspolitischen Großprojekt. Verwaltung, Wirtschaft und Bürgerschaft aller Gemeinden müssen an einem Strang ziehen, um die gebotene Chance in einen Erfolg zu verwandeln. Die Konversionsverantwortlichen der betroffenen zehn Kommunen haben daher zügig mit der Arbeit an einem Kommunalen Entwicklungskonzept (KEK) begonnen. Hierzu wurden in einem ersten Schritt verschiedene Gutachter eingeladen, die die Flächen auf ihre Potenziale hin analysiert haben und daraus mögliche Entwicklungsschwerpunkte, aber auch schon ganz konkrete, vorwiegend auf die einzelnen Standorte bezogene Maßnahmen ableiten.

 

Das Sigmaringer KEK

KEK ist ein Kürzel für „Kommunales Entwicklungskonzept“ und bezeichnet eine Strategie für die langfristige wirtschaftliche, soziale und ökologische Entwicklung einer Kommune. Ein KEK schafft Leitplanken für einzelne Entscheidungen und gibt ihnen einen inneren Zusammenhalt. Für den Landkreis Sigmaringen wurde ein kommunenübergreifendes KEK notwendig, um die Aufgabe der Konversion aus der Kraft der ganzen betroffenen Region zu stemmen und mit langfristigen Entwicklungsperspektiven zu verbinden. Für das KEK wurde zunächst eine Betroffenheits- und Potenzialanalyse angefertigt, die genau analysiert, welche Herausforderungen durch die Konversion wo anfallen. Unter der Federführung der Bürgermeister der zehn Städte bzw. Gemeinden und des Landratsamtes wurde ein Lenkungsausschuss gegründet, der für den Konversionsprozess verantwortlich ist. Gemeinsam mit den Gutachtern und Planern von FIRU, bulwiengesa und IBL hat der Lenkungskreis erste Konzepte für eine regionale Konversionsstrategie sowie für die Nachnutzung der Oberschwabenkaserne und der Graf-Stauffenberg-Kaserne entwickelt. Das KEK für den Landkreis Sigmaringen enthält folgende Leitlinien:
  • Die Anwerbung von Fachkräften aus ganz Europa, insbesondere Südeuropa
  • Den Ausbau der Gesundheitswirtschaft und der sozialen Infrastruktur
  • Die Förderung von Bildung und Ausbildung
  • Die Ansiedlung von Kultur- und Kreativwirtschaft
  • Die Vision einer integrierten Verkehrswirtschaft: Logistik, Gewerbe und Industrie
  • Die Vermarktung von Angeboten für Tourismus, Sport und Freizeit
  • Regenerative Energien und darauf bezogene technische Innovation
  • Differenzierte Mobilität – den überlegten Ausbau der Verkehrsinfrastruktur im Landkreis Sigmaringen für den Individualverkehr, den Bahn-Fernverkehr und den Flugverkehr
 

Das KEK ist eine Vorlage für kreatives und konstruktives Umdenken angesichts der Konversion. Jetzt sind zu seiner Ergänzung die Ideen der Bürgerschaft des Landkreises gefragt. Ansatzpunkte dazu liefern nicht nur die oben genannten abstrakten Leitlinien, sondern auch bereits recht konkret umrissene Projekte. Einige interessante Ideen aus dem KEK haben wir zur Inspiration in den Zivilarena-Ideenpool eingestellt . Zum Beispiel: Eine gemeinschaftliche Leuchtturm-Initiative zur Anwerbung und Integration von ausländischen Fachkräften; die Gründung eines Wissenschaftszentrums im Schulterschluss mit der örtlichen Hochschule; der Bau eines ökologischen Aktiv-Feriendorfes für nachhaltigen Tourismus; spezielle Gesundheits- und Serviceangebote für ältere Mitbürger. Nun freuen wir uns auf Ihre Beiträge.

 

Machen Sie mit!

Die Städte und Gemeinden des Landkreises haben sich im Rahmen des KEK für einen gemeinsamen Ideenfindungsprozess ausgesprochen. Alle Bürger des Konversionsraums sind dazu eingeladen, als Experten ihres Lebensumfelds Visionen für die Region zu entwerfen. Debattieren Sie in der Online-Diskussion die bereits entwickelten Ideen, lassen Sie sich vom Potenzial der frei werdenden Flächen und Gebäude zu neuen Ideen inspirieren und überlegen Sie gemeinsam mit Experten aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft, welche Zukunft für den Sigmaringer Landkreis möglich und wünschenswert ist.
 

Worüber wir diskutieren: Willkommenskultur
und ganz konkrete Ideen für die Standorte

Willkommen! Arbeitskräfte aus ganz Europa anziehen
Erfreulicherweise lebt und wirtschaftet die Region Sigmaringen auf einem sehr soliden Fundament. Gerade unter den im Landkreis ansässigen, mittelständischen Unternehmen findet man Weltmarktführer wie Zollern, Alno, Trumpf, Geberit und Knoll. Weitere gut aufgestellte Mittelständler wie Späth, Schaefer, Gühring oder Kaut zeigen die hohe Wirtschaftskraft, die den Landkreis Sigmaringen auszeichnet. Für diese könnten von den Konversionsflächen neue Impulse ausgehen, um dem Problem des Fachkräftemangels zu begegnen. Der Fachkräftemangel ist eine unmittelbare Folge einerseits der generellen demografischen Entwicklung hin zu einer alternden Gesellschaft, andererseits der laufenden Abwanderung junger, gut qualifizierter Menschen aus den ländlich geprägten Räumen in die städtischen Zentren. Eine Umnutzung der Kasernengelände mit dem Ziel, den ländlichen Raum attraktiver für gut ausgebildete Fach-Arbeitskräfte nicht nur aus Deutschland (denn hier sind die Potenziale begrenzt), sondern aus ganz Europa zu machen, könnte Modellcharakter für ganz Deutschland haben. Die „harten“ Faktoren für ein Gelingen sind natürlich sichere Arbeitsplätze, bezahlbare Mieten, gute Schulen, gezielte Ausbildung sowie Möglichkeiten für höhere Bildung und Forschung. Aber auch „weiche“ Kriterien wie die allgemeine Lebensqualität, zuvorkommende Institutionen und eine weltoffene, einladende Haltung – eine von der Bürgerschaft und den Vereinen des Landkreises ausgehende Gastgeber- und Verwurzelungskultur – werden tragende Säulen sein, um Fachkräfte anzuwerben und zu halten.

Die Graf-Stauffenberg-Kaserne Sigmaringen: SIGMARINGEN_FUTURE_LAB
Die Graf-Stauffenberg-Kaserne am Rande Sigmaringens übersteigt mit ihrer Fläche von 215 Hektar den Sigmaringer Stadtkern um das Dreifache und bildet damit potenziell einen neuen Stadtteil. Neben Kasernengebäuden, Verwaltungs- und Versorgungseinrichtungen stehen auf der Kernfläche des Geländes (ca. 65 Hektar) Sport- und Veranstaltungshallen, Unterstell- und Wartungsgebäude für militärisches Gerät, diverse Lagerhallen und eine große, moderne Einrichtung für Apotheken-Logistik. Die insgesamt 159 Gebäude befinden sich bis auf wenige Ausnahmen in einem exzellenten Zustand, teilweise wurden sie erst vor zwei Jahren energetisch saniert. Die Fläche weist mit ausgedehnten Grünbereichen und altem Baumbestand parkähnliche Qualitäten auf. In Richtung Bingen schliesst sich eine Raumschiessanlage mit 14 Hektar und in Richtung Sigmaringendorf ein Standortübungsplatz mit ca. 130 Hektar Freifläche an. Weitere 5 Hektar entfallen auf ein Waldstück jenseits der Binger Straße, in welches das Offiziersheim eingebettet ist.

 

Das Kernkonzept: SIGMARINGEN_FUTURE_LAB – „Projekt Zukunft“ in Zusammenarbeit mit der Hochschule Albstadt Sigmaringen
Ein großes Potenzial des Geländes der Graf-Stauffenberg-Kaserne liegt sicherlich in der unmittelbaren Nähe zur Hochschule Albstadt-Sigmaringen. Aus den angewandten Wissenschaften mit starkem Praxisbezug, die an der Hochschule gelehrt werden, gehen regelmäßig Ausgründungen hervor. Das lokale Handwerk und produzierendes Kleingewerbe könnten in der vorliegenden campusartigen Situation eng mit den GründerInnen zusammenarbeiten. Das Gelände böte einer Kombination aus Wissenschafts-, Gründer- und Innovationszentrum mit dem hohen Ziel eines „Projekt Zukunft“ für die Region beinahe unbegrenzte Entwicklungsmöglichkeiten und eine sehr vielseitig nutzbare Infrastruktur – nicht nur mit der schon jetzt besonders gut ausgebauten medizinischen Logistik (dem Erbe der zentralen Bundeswehrapotheke) oder der flächendeckenden Breitband-Glasfaserverkabelung. Es bietet sich an, das SIGMARINGEN_FUTURE_LAB von vornherein als Modellprojekt für einen „Arbeitskräftegateway“ anzulegen, also als Tor für europäische Facharbeitskräfte zum deutschen Arbeitsmarkt. Damit würde das „Projekt Zukunft“ um eine wichtige, chancenreiche Komponente ergänzt. Mit Facetten wie Ausbildung, Weiterbildung, Studium und einer aktiven Gründerszene könnte es eine europaweite Strahlkraft entwickeln und sich als beispielhaftes Vermittlungs- und Qualifizierungszentrum etablieren. Durch die ergänzende Ansiedlung von Kreativwirtschaft (ohne limitierende Denkverbote: wie z.B. Filmstudios à la Babelsberg in Sigmaringen!), attraktiver Wohnnutzung sowie dem Ausbau von Tourismus- und Freizeitangeboten würde ein neuer ländlich-kosmopolitischer Lifestyle geformt, der auch der Abwanderung der Jugend aus Sigmaringen Paroli bieten könnte.

Die Oberschwabenkaserne Mengen-Hohentengen: Ehoch4 und ENTRY_LOG
Die Oberschwaben-Kaserne in Mengen-Hohentengen bietet mit 78 Hektar ebenfalls viel Raum für Ideen. Auch hier ist die Substanz aus Mannschaftgebäuden, Lagerhallen, KFZ-Unterständen und Verwaltungsgebäuden gut erhalten. Seit dem letzten Jahr ist hier bereits die mittelständische IT-Firma hamcos angesiedelt. An das Gelände schließt das Flugfeld des Regio-Airport Mengen an.

 

Das Kernkonzept: Ehoch4 – europäischer Erlebnis- und Gewerbepark für erneuerbare Energien
Mit dem von den privaten Investoren der SOWIEnergie getragenen Projekt Ehoch4, einem europäischen Erlebnis- und Gewerbepark für erneuerbare Energien, erfährt die Oberschwabenkaserne den Glücksfall eines durchdachten, übergreifenden Konzepts für weite Teile des Geländes, das für die Gemeinde Hohentengen überdies noch kostenneutral umgesetzt werden kann. Bereits im kommenden Jahr wird es mit Ehoch4 los gehen. Die Energieerzeugung wird mit einer Mischung aus Solar-, Wind-, Wasserkraft, Holzvergasung und Biomasse stattfinden. Weil dieser Mix beinahe das gesamte Spektrum an erneuerbaren Energien beinhaltet, wird eine Forschungs-Akademie für nachhaltige Energieerzeugung eingerichtet, deren Partner die Hochschulen Albstadt-Sigmaringen, Biberach, Rottenburg und Weingarten-Ravensburg sind. Abnehmer des erzeugten Stroms sind nicht nur der freie Strommarkt, sondern im Sinne der Energieautarkie auch ein auf dem Gelände geplantes Gewerbegebiet und der projektierte Lern- und Erlebnispark für Nachhaltigkeit der Ravensburger AG. Hier sollen Kinder und Jugendliche aus einem Einzugsgebiet von bis zu 120km spielerisch die verschiedenen Erzeugungsarten von Energie kennen lernen.

 

Ergänzend: ENTRY_LOG
Der Regio Airport Mengen bietet den Ansatzpunkt zur Ansiedlung von moderner Logistik. Neben einem klassischen Gewerbegebiet mit einem solchen Schwerpunkt ist die Ausgestaltung zu einem Schulungszentrum für die Logistik in Osteuropa denkbar. Hierzu wurde eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben.