Der öffentliche Nahverkehr in Bielefeld wächst. Bis zum Jahr 2030 wird das bestehende Schienennetz um weitere 60% ausgebaut. Der Verkehr in der Innenstadt wird dadurch entlastet und bisher nur mit dem Bus erreichbare Stadtteile erhalten einen Anschluss an das Stadtbahnnetz. Auf dem Weg in die Zukunft der Mobilität in Bielefeld gibt es allerdings noch viele Details zu klären, die besten Streckenführungen zu finden und eine »Systementscheidung« zu debattieren.

 

In Bielefeld hat der ÖPNV auf Schienen eine lange Tradition. Bereits im Jahr 1900 nahm die erste Straßenbahn ihren Betrieb auf, bis ins Jahr 1928 folgten zwei weitere Linien. In den 1950er und 60er Jahren standen sich die Straßenbahn und der Umbau zur autogerechten Stadt gegenseitig im Wege. Die Entscheidung fiel zugunsten der Schiene. Der Beschluss wurde gefasst, die Straßenbahn zu einem umfassenden und leistungsfähigen Stadtbahnsystem mit eigenem Gleiskörper auszubauen und dieses mit den anderen Verkehrssystemen gut abzustimmen. Dank dieser Entscheidung fahren in Bielefeld heute 80 Stadtbahnwagen auf vier Hauptlinien mit insgesamt knapp 72 Kilometern Linienlänge und bedienen 62 Haltestellen im Stadtgebiet. Im Jahr nutzen 32,14 Millionen Fahrgäste die Stadtbahn.

 

Trend zur Schiene

 

Der weltweite Trend in der urbanen Mobilität gibt dem Bielefelder Votum für die Schiene recht. Seit den 1980er Jahren erleben Stadt- und Straßenbahnen in vielen Städten ein großes Comeback. Dafür gibt es gute Gründe: Stadtbahnen laufen vor Ort abgasfrei. Sie sind das leiseste Verkehrsmittel im ÖPNV und durch die ruhige Fahrweise auch das komfortabelste. Sie sind ein wirtschaftliches Verkehrsmittel, da weniger Fahrzeuge benötigt werden als beim Einsatz von Bussen. Sie sind kaum verspätungsanfällig, da ihre Trassen vom Verkehrsfluss des Individualverkehrs ausgenommen sind. Jeder zweite bis dritte Fahrgast in Straßenbahnen und Stadtbahnen lässt für seine Fahrt den privaten PKW stehen. Damit tragen diese Verkehrsmittel wesentlich zur Begrenzung des motorisierten Individualverkehrs und der damit verbundenen Emission von Schadstoffen und Lärm bei. Sie helfen so, die Lebensqualität in der Stadt zu erhöhen.

 

Im Bielefelder Stadtbahnsystem steckt in all dieser Hinsicht noch viel positives Potenzial für die Zukunft der Stadt. Daher wurde 2008 unter dem Titel mobiel 2030 ein ambitioniertes Arbeitsprogramm zum Stadtbahnausbau beschlossen. Die Stadt Bielefeld bekennt sich darin umfassend zum ÖPNV auf der Schiene. Zügig votierte die Stadt für die Verlängerung der Linie 2 bis Milse-Ost und der Linie 4 bis zum Hochschulcampus sowie zur neuen Endhaltestelle Dürkopp Tor 6 und leitete dafür die Planungsverfahren ein. Aber auch durch die Schiene bislang unerschlossenes Gebiet soll in den nächsten Jahren an das Netz angebunden werden.

 

Potenziale und Machbarkeit

 

Welche der neuen Strecken versprechen einen besonders großen Zugewinn für die Fahrgäste? Wie ist es um deren Wirtschaftlichkeit und städtebauliche Umsetzung bestellt? Um diese Fragen zu beantworten und eine Grundlage für künftige Entscheidungen zu gewinnen, erteilte die Stadt Bielefeld im Jahr 2010 dem Planungs- und Beratungsunternehmen TransportTechnologie-Consult aus Karlsruhe den Auftrag für eine Potenzialanalyse. Darin wurden 15 verschiedene Maßnahmen zur Erweiterung des Netzes miteinander verglichen und abgewogen. Eine zusätzliche Machbarkeitsstudie sollte außerdem die mögliche Linienerweiterung nach Heepen genauer analysieren. Hier wurden 18 Trassenvarianten untersucht und eine Empfehlung ausgesprochen.

 

Die Arbeit der Gutachter ergab eine grundsätzlich positive Bilanz für den geplanten Netzausbau: »Der Vergleich [der Bielefelder Situation mit anderen Städten, bspw. Mannheim; Anm.d.Red.] zeigt, dass mit dem Ausbau des Schienennetzes zusätzliche Fahrgäste gewonnen werden, die dann kostengünstiger als mit Bussen befördert werden können. Die Erträge steigen und der Aufwand sinkt. Die ökologischen und städtebaulichen Vorteile des ÖPNV im Vergleich zum motorisierten Individualverkehr sind neben den Fragen der Wirtschaftlichkeit … in die Entscheidungen einzubeziehen.« Demnach profitieren Betreiber, Fahrgäste und Bürger von der Erweiterung.
Die Gutachter empfahlen zusätzlich zu den bereits beschlossenen Erweiterungsmaßnahmen vor Allem den Bau der neuen Linie von der Innenstadt nach Heepen, außerdem die Verlängerungen der Linie 3 nach Hillegossen und der Linie 1 nach Sennestadt. Von diesen drei Erweiterungen sei der größte Nutzen für die Fahrgäste sowie die größte Wirtschaftlichkeit zu erwarten.

 

Im Mai 2012 fiel die Entscheidung: der Stadtentwicklungsausschuss sprach sich einstimmig für den Beginn der technischen Planungen zur vorgeschlagenen Netzerweiterung aus. Begleitend dazu solle ein Beteiligungs- und Dialogprozess zum Thema Stadtbahnausbau in Gang gebracht werden, der die Bielefelder Bürger umfassend informiert und ihr Knowhow in das Großvorhaben einbezieht.

 

Auf in die ZUKUNFT MOBIELEFELD

Weitere Informationen zum Projekt finden sie auf der Informationszentrale zum Stadtbahnausbau www.zukunftmobielefeld.de

Stadtbahnausbau und Beteiligungsprozess gehören also zusammen. Sie werden von der Stadt Bielefeld und der moBiel GmbH – einer 100-prozentigen Tochter der Stadtwerke Bielefeld, die die Stadtbahn sowie den Großteil des Busverkehrs betreibt – gemeinsam unter dem Projektnamen ZUKUNFT MOBIELEFELD entwickelt. Der Beteiligungsprozess steht auf drei Säulen: Bürgerforen, Werkstattwochen und Online-Diskussionen. Im Laufe der kommenden Jahre werden diese Elemente wechselnd eingesetzt und sollen sowohl die Debatte des Gesamtvorhabens als auch die vertiefte Auseinandersetzung mit Teilaspekten des Netzausbaus ermöglichen. Darüber hinaus wird es Angebote für betroffene Gruppen geben sowie Expertengespräche, die vertiefende Einblicke aufzeigen.
Die Webseite www.zukunftmobielefeld.de ist die Zentrale des Beteiligungsprozesses. Hier sind alle Informationen, Unterlagen und anstehenden Termine zusammengestellt, die für eine kundige und engagierte Diskussion nötig sind. Darüber hinaus werden im umfangreichen Werkstatthandbuch auch knifflige Details der Ausbauplanung verständlich erläutert und der Diskussion zugänglich gemacht.

Denken Sie mit!

Den Startschuss für den Beteiligungsprozess gab am 27. April 2013 das erste Bürgerforum zum Stadtbahnausbau. Jetzt geht es hier auf Zivilarena mit der Online-Diskussion weiter: vom 13. bis zum 27. Mai sind alle Interessierten eingeladen, ihre Fragen, Ideen und Überlegungen zu den Ausbauplanungen einzubringen. Im Austausch mit den anderen Teilnehmern der Online-Diskussion sowie Vertretern der moBiel GmbH können Sie Meinungen schärfen, Argumente einbringen und neue Perspektiven gewinnen. In dieser ersten Online-Diskussion geht es um die Konkretisierung von Trassenvarianten für Heepen, die Optimierung der Verlängerungen nach Sennestadt und Hillegossen, die Verkehrsführung zwischen Jahnplatz und Adenauerplatz und die Systementscheidung für die Hoch- oder Niederflurtechnik.

 

Themen und Diskussionspunkte

 

Die grundsätzliche Richtung zur Erweiterung des Streckennetzes steht fest. Jedoch, an vielen Stellen gilt es noch Detailarbeit zu leisten und zwischen zwei und mehr Varianten abzuwägen. Hier sind lokale Kenntnisse und gesunder Menschenverstand ebenso gefragt wie die Einsicht in komplexe technische Zusammenhänge. Folgende Punkte stehen im Zentrum des Beteiligungsverfahrens:

Trassenführung nach Heepen. Karte klicken, um zu vergrößern

Heepen

Auf der neuen Linie 5 nach Heepen sind an zwei Abschnitten unterschiedliche Varianten möglich. Im Streckenabschnitt vom Stadtzentrum bis zum Ortseingang Heepen wurden zwei Alternativen empfohlen. Im Ortskern Heepen stehen drei alternative Streckenführungen zur Diskussion. Vor- und Nachteile der Varianten müssen herausgearbeitet und abgewogen werden.

Mitte

Eng verbunden mit der neuen Strecke nach Heepen ist im Innenstadtbereich die Weiterführung der Strecke vom Jahnplatz bis zum Adenauerplatz. Diese ermöglicht die Anbindung der neuen Linie 5 an das Stadtbahnnetz sowie an die Linie 1 nach Senne/ Sennestadt. Durch die neue oberirdische Streckenführung soll eine vom bestehenden Stadtbahntunnel unabhängige alternative Erschließung der Innenstadt geschaffen werden. Die Integration der neuen Linie in das Verkehrsaufkommen beider Plätze ist eine städtebauliche Herausforderung, für die kreative Ideen gefragt sind.

Trassenführung nach Sennestadt. Karte klicken, um zu vergrößern

Sennestadt

Bei der Ausbaustrecke nach Sennestadt wird es zunächst um die Sondierung eines recht frühen Planungsstands gehen. Mitte des Jahres soll eine Machbarkeitsstudie vorgelegt und im Anschluss diskutiert werden, damit im zweiten Schritt einzelne Aspekte des Schienenverlaufs optimiert werden können.

Trassenführung nach Hillegossen. Karte klicken, um zu vergrößern

Hillegossen

Die Streckenverlängerung nach Hillegossen ist in ihrer Planung bereits fortgeschritten. Im Jahr 2009 hat der Umwelt- und Stadtentwicklungsausschuss eine Vorzugstrasse politisch entschieden. In der Diskussion soll es daher vor Allem um die Optimierung der Trasse sowie um die Möglichkeit ihrer Weiterführung gehen.

Hoch- oder Niederflurtechnik?

Auf gesamtstädtischer Ebene steht zudem die Entscheidung über Hoch- oder Niederflurbahnen auf den neuen Strecken nach Heepen und Sennestadt an. Diese Entscheidung hat erhebliche Auswirkungen auf einzelne Streckenabschnitte, aber auch auf die betriebliche Organisation des Gesamtnetzes und für neue Netzkonzepte. Die Entscheidung soll noch vor dem Sommer von den politischen Verantwortungsträgern getroffen werden. In der Diskussion geht es daher vor Allem um Information und ergänzende Argumente zu den bestehenden Überlegungen.

 

Diese und alle anderen wichtigen Bestandteile der Stadtbahn-Erweiterung sind im Werkstatthandbuch ausführlich geschildert und mit Details versehen. Sie können das Werkstatthandbuch von der Seite www.zukunftmobielefeld.de herunterladen. Dort finden Sie auch alle weiteren Informationen rund um die Stadtbahn-Erweiterung und den gesamten Beteiligungsprozess.

Fotos: Sofern nicht anders benannt, stammen die Fotos vom Prozessteam (agl, BPW und Zivilarena). Titelbild von Fotograf Olaf Lewald. Bild "Hoch- oder Niederflurtechnik?": Archivbild der moBiel GmbH
Kartographie: agl, Saarbrücken; Kartengrundlagen: Stadtbahn-Strecken und Straßennetz: moBiel GmbH, Siedlungs- und Waldflächen: Corine Land Cover (CLC 2006) der European Environment Agency