Der Anspruch der sozialen Mischung erlebte in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Popularität. Vielen gilt sie als wirksames Mittel gegen Armut und als Antwort auf die zunehmende soziale Spaltung der Gesellschaft. Dies allerdings ist ein Fehlschluss.

 

Stadtviertel wie Berlin-Kreuzberg werden heute als Nachweis für gelungene Integration und die Stabilität von gemischten Nachbarschaften gehandelt. Das überzeugt vor Allem im Kontrast zu den französischen Banlieus und amerikanischen Innenstädten, wo die Konzentration sozial schwacher Bevölkerungsgruppen zur Bildung von Ghettos geführt hat, in denen eine Abwärtsspirale von Gewalt und Chancenlosigkeit einsetzte. Im Gegensatz dazu verspricht die gesellschaftliche Mischung soziale Chancengleichheit und die Besänftigung »sozialer Brennpunkte«. Mit der Annahme im Gepäck, dass der Zuzug von Besserverdienenden und Eigentümern einen sozialen Mehrwert darstelle, haben Politiker seit Mitte der 1990er Jahre entsprechende Aufwertungsprozesse als sozialpolitisches Instrument der Stadtentwicklung eingeordnet und gezielt gefördert.

Es ist keine neue Vorstellung, dass soziale Durchmischung einen gesellschaftlichen Mehrwert erzeugt: der preußische Stadtplaner James Hobrecht war einer der ersten im deutschen Kontext, der die soziale Durchmischung propagierte. Hobrecht setzte auf die wechselseitige Bildung unterschiedlicher Schichten. Viele seiner Zeitgenossen versprachen sich vom Einzug des Bürgertums in die städtischen Mietshäuser eine »sittliche Schule« für die ärmeren Bevölkerungsschichten. Dieses Motiv der moralischen »Läuterung« taucht abgewandelt bis heute in den stadtpolitischen Debatten auf: Dabei geht man davon aus, dass die »mainstream role models« der sozialen Mittelschichten positiv auf ein sozial schwaches Umfeld wirken. Die Mittelschichten bilden gewissermaßen den »sozialen Anker«, der in Zeiten auseinander driftender Stadtgesellschaften sozial ausgeglichene Nachbarschaften mit Kiezcharakter schafft und die Gemeinschaft stabilisiert.

Der Begriff der Stabilisierung ist in diesem Kontext allerdings problematisch. In der Regel ist damit gemeint, dass durch den Zuzug der Mittelschicht in sozial benachteiligte Gebiete Nachbarschaften zusammen wachsen. In der Forschung gilt jedoch, dass Nachbarschaften stabiler sind, wenn sie eine gewisse Homogenität aufweisen. Soziale Netzwerke sind demnach stärker, wenn Lebensstil und ökonomischer Status sich ähneln. Besteht die Wahl zwischen zwei Nachbarn, die während der eigenen Abwesenheit nach dem Rechten schauen, wird gewöhnlich zuerst derjenige gewählt, der dem eigenen Lebensstil näher steht. Es ist ein Trugschluss, dass Besserverdienende unmittelbar stärkend auf das soziale Miteinander einer gesamten Nachbarschaft wirken. Im Gegenteil: In vielen innerstädtischen Gegenden Amerikas haben zugezogene Besserverdienende und Eigentümer Initiativen zum Schutz des Privateigentums gegründet und dabei die (soziale) Säuberung ihrer Wohnviertels forciert. Die Sorge um das ganz private Wohl (»Not in my backyard«) ist hier deutlich dringlicher als das soziale Miteinander unterschiedlicher Statusgruppen. Es stellt sich also zum einen die Frage welche Arten von »role model« und Sittlichkeit hier angeboten werden und zum anderen, inwiefern tatsächlich die soziale Mischung und nicht vielmehr der soziale Konflikt die Entwicklung von Nachbarschaften vorantreibt? Ebenfalls nicht tragfähig ist das Argument, die Vermischung erzeuge eine Art Fahrstuhleffekt für sozial Schwächere. Wenn sich Sozialindikatoren wie das durchschnittliche Haushaltseinkommen in diesen Kiezen verändern, dann liegt das an der veränderten Zusammensetzung der Bevölkerung, und nicht am »sozialen Aufstieg« dort ansässiger Familien. Gesamtstädtisch gesehen bedeuten die Aufwertungsprozesse einzelner Nachbarschaften lediglich eine Umverteilung von Einkommen in der Stadt. Eine Armutsbekämpfung stellt diese Form der sozialen Mischung nicht dar.

Aber selbst wenn eine derartige Durchmischung entstanden ist: Sie wird spätestens dann auf die Probe gestellt, wenn es um die schulische Ausbildung geht. Solange in Deutschland die Ungleichheiten in der Bildungspolitik nicht behoben werden, bleibt die soziale Durchmischung für viele Menschen aus der Mittelschicht mit der Sorge um die besten Chancen für die Zukunft der eigenen Kinder verbunden. Oft ist der Eintritt der Kinder in die Schule ein Grund zum Umzug in ein besser gestelltes Viertel, zumindest aber zur Wahl eines anderen Schulstandorts – was den Anspruch der Stabilisierung von Nachbarschaft konterkariert.

Die kursierenden Bilder von sozial gemischten Wohnquartieren romantisieren eine Vorstellung des sozialen Miteinanders, das unserer zunehmend auseinanderdriftenden Gesellschaft kaum gerecht wird. Die soziale Durchmischung ist nur dann sozial gerecht und »stabil«, wenn sie gesamtstädtisch erzielt wird. Derzeit jedoch wandert der billige Wohnraum an die Ränder der Stadt – und zwar sehr konzentriert in die ehemaligen Neubaugebiete der 1970er Jahre. In ohnehin als sozial schwach verrufenen Stadtvierteln wie Mümmelmannsberg in Hamburg, Märkisches Viertel in Berlin, Neuperlach in München oder Chorweiler in Köln wird die soziale Segregation durch den Druck auf den innerstädtischen Wohnungsmarkt weiter verschärft. So erzeugt die Bemühung um soziale Mischung einzelner Gebiete mithilfe der Förderung von Wohneigentum und (sozialer) Aufwertung erst diejenige Ghettoisierung, gegen die sie sich eigentlich wendet. Solange weder Mietpreis- noch Belegbindungspolitik im sozialen Wohnungsbau gesamtstädtisch auf die politische Agenda gesetzt werden, bewirken die punktuellen Maßnahmen eine soziale Neuordnung der Stadt, aber keine stabilen Verhältnisse.

Eine soziale Mischung ist konfliktreich. Funktionierende Nachbarschaften, die sowohl das Mit- als auch das Nebeneinander zulassen, sind Ergebnis langer Prozesse und von unterschiedlich intensiv gewachsenen Sozialbezügen. Wer glaubt, dass diese Form des urbanen Lebens leicht reproduzierbar sei oder dem urbanen Leben an sich innewohne, der irrt gewaltig. Anders als oft behauptet ist die soziale Mischung weder ein Instrument der Armutsbekämpfung noch der fehlende »Sozialkit« in unserer Gesellschaft. Solange sie nicht gesamtstädtisch gedacht und mit einer veränderten Wohlfahrts- und Sozialpolitik kombiniert wird, bleibt die Forderung nach sozialer Mischung beschränkt auf die Aufwertung einzelner Wohngegenden. Als Folge davon entsteht kein stabiles Gemeinwesen, sondern lediglich eine hitzig geführte Debatte um Auf- und Abwerter, Verdränger und Verdrängte, die allzu leicht von der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe der Wohnungspolitik ablenkt.