In der Theorie sind sich fast alle einig: Die Trennung der Funktionen – hier Wohnort, dort Arbeitsplatz und an einem dritten Ort Einkaufszentrum – gehört der Vergangenheit an. Entwickler von neuen Vierteln streben heute eine Nutzungsmischung an. Doch in der Praxis zeigt es sich, dass damit auch Konflikte provoziert werden.

 

Mitten in Stuttgart entsteht in den nächsten Jahren das Gerber: ein 250 Millionen Euro teurer Neubaukomplex mit einem großen Einkaufszentrum als wichtigstem Nutzer. Aber eben nicht nur mit diesem Einkaufszentrum: Es gibt auch Büros, Praxen und Wohnungen – alles »im Sinne einer urbanen Mischnutzung«, wie der Investor sagt.

Dass Projektentwickler gemischte Nutzungen anstreben, ist weniger selbstverständlich, als es klingt. Gewiss, noch vor hundert Jahren war eine solche Mischung in unseren Städten weit verbreitet: In den oberen Etagen des Vorderhauses wurde gewohnt, während sich im Erdgeschoss Läden befanden und im Hinterhaus Handwerker in ihren Werkstätten tätig waren. Doch 1933 veröffentlichte eine Gruppe unter Führung des berühmten Architekten Le Corbusier die Charta von Athen. Diese sprach sich für eine strikte Trennung der vier Funktionen Wohnen, Arbeiten, sich Erholen und sich Bewegen aus und bestimmte damit fortan für Jahrzehnte die Stadtplanung.

Von Athen nach Leipzig

Das Prinzip der Trennung der Funktionen blieb nicht ohne Folgen: Es führte zum Ideal der autogerechten Stadt, zu Schlafstädten am Stadtrand und zu reinen Büroparks – zu all jenen Erscheinungen also, die heute als ökologisch und sozial problematisch gelten. Die Zeit einzeln optimierter Wohn- und Geschäftsviertel, überdimensionierter Einkaufszentren und großer Verkehrsflächen sei vorbei, heißt es denn auch in der Leipzig-Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt, die 2007 auf einem EU-Ministertreffen verabschiedet wurde. Stattdessen empfiehlt die Leipzig-Charta, Wohnen, Arbeiten und Freizeit in den Städten wieder stärker miteinander zu vermischen – nicht zuletzt im Interesse des Klimaschutzes. Denn wer in der Nähe seines Arbeitsplatzes wohnt und seine Einkäufe um die Ecke erledigt, kann sein Auto auch mal stehen lassen oder sogar ganz darauf verzichten.

Tatsächlich setzen neue Quartiersentwicklungen wie das Quartier Central in Düsseldorf, die Europacity in Berlin oder die Hafencity in Hamburg auf eine gemischte Nutzung. Reagiert hat auch die Politik: Im Sommer dieses Jahres legte Bundesbauminister Peter Ramsauer ein neues Bauplanungsrecht vor, das die Innenentwicklung der Städte fördert und Kindergärten in Wohngebieten grundsätzlich für zulässig erklärt.

Streitpunkt Lärm

Das Beispiel der Kindergärten zeigt, dass das Ideal der Nutzungsmischung nicht ohne Probleme umzusetzen ist. Immer wieder kommt es nämlich zu Klagen von Anwohnern, die sich durch den Lärm spielender Kinder belästigt fühlen. »Kinderlärm«, stellt jetzt Minister Ramsauer klar, »ist keine schädliche Umwelteinwirkung, vor der die Bürger mit einem Gesetz geschützt werden müssen.«

Doch auch mit Freizeitaktivitäten verträgt sich der Wunsch nach ruhigem Wohnen nicht ohne weiteres. In Szenevierteln deutscher Großstädte kommt es jedenfalls immer wieder zu Protesten ruhebedürftiger Anwohner, die sich nachts vom Lärm benachbarter Clubs und Diskotheken belästigt fühlen. Und auch Straßenlärm kann mit der Wohnnutzung kollidieren – zumal dann, wenn es sich um ein reines Wohngebiet handelt, für das der Gesetzgeber strenge Lärmschutzgrenzen gesetzt hat.

Der Frankfurter Verwaltungsrechtler Thomas Schröer fordert deshalb, im Planungsrecht einen neuen Gebietstyp zu schaffen: das innerstädtische Wohngebiet, bei dem höhere Lärmimmissionen zulässig sind. »Die faktische Akzeptanz und zunehmende Beliebtheit innerstädtischer Wohnquartiere«, argumentiert Schröer, »zeigen, dass deren Einwohner nicht gewillt sind, trotz teilweise erheblicher Lärmbelästigungen auf die Vorteile eines städtischen Lebens zu verzichten.«

Wer kann sich Nutzungsmischung leisten?

Gerade in wirtschaftsstarken Metropolen stehen Politiker und Projektentwickler allerdings noch vor einer ganz anderen Herausforderung: Längst nicht alle Bevölkerungsgruppen können sich das Wohnen in der Innenstadt leisten. Denn ausgerechnet dort, wo sich eine urbane Mischung aus Wohnungen, Läden, Büros, Restaurants und Kinos am ehesten umsetzen lässt, sind die Grundstückspreise und damit auch die Wohnungen am teuersten. Menschen mit niedrigerem Einkommen bleibt dann oft nichts anderes übrig, als in ein Wohngebiet am Stadtrand zu ziehen.

Und dort droht dann im schlimmsten Fall doch wieder die Einöde der Schlafstadt, in der eine Familie zwei Autos braucht, um die täglichen Wege zu Arbeitsplatz, Supermarkt, Schule und Sportverein zu bewältigen. »Wenn Eltern aus dem neuen Wohngebiet eine Stunde zum nächsten Kindergarten benötigen oder die Brötchen an der Tankstelle kaufen müssen, ist etwas schief gegangen«, stellt Christoph Weipert vom Münchner Bauträger Immosens fest. Gerade in Regionen mit Wohnungsmangel und hohem Siedlungsdruck fordert Weipert deshalb: »Ob Kindergärten, Einkaufsmöglichkeiten oder Radwege – Nahversorgung und Infrastruktur müssen von Anfang an mitberücksichtigt werden.«

Denn eines, das hat eine Bevölkerungsumfrage des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) gezeigt, steht fest: Die Mehrheit der Menschen in Deutschland schätzt die Nähe zu Bildungs-, Kultur- und Konsumangeboten. Und diese Einstellung dürfte vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung noch an Bedeutung gewinnen – denn gerade für die immer zahlreicher werdenden älteren Menschen bildet die Nähe zu Supermarkt, Arztpraxis und öffentlichen Verkehrsmitteln eine zwingende Voraussetzung dafür, lange in ihrer eigenen Wohnung bleiben zu können.