Das Interesse der Menschen, sich aktiv an den Veränderungs- und Entwicklungsprozessen in ihrem Wohnort oder ihrer Stadt zu beteiligen, ist merklich angestiegen. Stuttgart 21 und andere städtebauliche Projekte zeigen, dass moderierte Beteiligungsverfahren immer wichtiger werden. Zivilarena sprach mit Moderator Andreas Jacob über Strategien der Moderation, die Qualität von Transparenz und das Credo der Neutralität.

 

Zivilarena: Herr Jacob, was ist die Aufgabe eines Moderators in der Stadtplanung?

Andreas Jacob: Städtebauliche Entwicklung hat immer mit der Veränderung von Räumen zu tun: Straßen, die gebaut werden; Netze, die erstellt werden; Grünräume, die verändert oder minimiert werden. Derlei Veränderungen werden von den Bürgerinnen und Bürgern sehr persönlich wahrgenommen. Ein Moderator hat in dieser Gemengelage die Aufgabe, die einzelnen Menschen und Gruppierungen mit der jeweiligen städtebaulichen Planung bekannt und vertraut zu machen, und den dabei aufkommenden Fragen und Argumenten auf den Grund zu gehen. Alle Fragen müssen präzise beantwortet werden. Das entspricht dem Prinzip einer bürgerschaftlichen Demokratie.

Sie plädieren dabei für eine grundsätzlich unparteiische Haltung. Fällt es einem Moderator manchmal schwer, sich trotz genauer Kenntnis der Sachlage unparteiisch zu verhalten?

Man hat als Moderator natürlich seine eigene Einschätzung. Diese sollte man aber zurücknehmen, um den Diskussionsprozess nicht zu beeinflussen. Die Aufgabe der Moderation ist, die vorgebrachten Argumente zusammenzutragen, zu gliedern, zu verbinden und wiederum zur Diskussion zu stellen. Für mich ist wichtig, die Punkte, bei denen Übereinstimmung herrscht, und diejenigen, bei denen keine Übereinstimmung besteht, als solche zu kennzeichnen. An die übereinstimmenden Punkte kann man einen Haken machen. Bei den nicht übereinstimmenden Punkten muss ich recherchieren, welche Argumente und welche Fakten auf den Tisch zu bringen sind, um den Dissensfaktor so klein wie möglich zu halten.

Es scheint allerdings, dass heute bei städtebaulichen Entwicklungen eher Dissens als Konsens herrscht. Woran liegt das?

Das liegt daran, dass die ersten Planungsschritte oft nur auf der fachlichen Ebene ablaufen, also hinter »verschlossenen Türen«. Wir empfehlen daher immer, dass die Moderation eines Planungsprozesses bereits dann beginnt, wenn es um die ersten Überlegungen und die ersten Ideen geht. Nur dann kann eine engagierte Moderation dafür sorgen, dass im Dialog mit den Bürgern eine Ideenvielfalt entsteht und dass die Bürger sich mit Ihren Ideen ernst genommen fühlen.

Können sie skizzieren, welchen Weg ein Moderator im Moderationsprozess einschlagen muss, um eine ergebnisorientierte, konstruktive Diskussion führen zu können?

Zunächst einmal muss der Moderator die Erwartungshaltungen derjenigen, die sich für ein Projekt interessieren und engagieren, offenlegen. Dabei sollte er mit Fairness und Respekt vorgehen. Einfaches Nachfragen und Klären von verschiedenen Interessenlagen gleich zu Beginn der Moderation ist der Grundstein für einen guten Moderationsprozess. Vor Konflikten und deren Aufdeckung darf man dabei als Moderator nicht zurückschrecken. Konflikte können subjektiv, also persönlich bedingt, oder objektiv, das heißt faktenbasiert, sein. Bei den objektiven Konflikten ist der Moderator gefragt, denn es müssen von einer ganzen Reihe Beteiligter und Behörden Fakten vorgetragen und in der Diskussion vertieft werden. Abschließend müssen die Fakten dann vom Moderator entweder verworfen oder als objektiv richtig festgestellt werden. Der Moderator muss deshalb mit stadtplanerischen Prozessen und Wirkungsabhängigkeiten vertraut sein und sie begutachten können.

»Vor Konflikten und deren Aufdeckung darf man nicht zurückschrecken.«

Wie unterscheidet sich ein Bürgerbeteiligungsprozess von einem Gespräch unter Fachleuten?

Bei Bürgerbeteiligungsprozessen besteht oft eine zentrale Aufgabe des Moderators darin, diejenigen, die z.B. bei Bürgerversammlungen nur zuhören, durch direkte Ansprache dazu zu bringen, ihre Meinung zu äußern. Ist die vielmals anzutreffende Redehemmnis in einer der ersten Versammlungen überwunden, wird der gesamte Prozess ausgeglichener, und die Beteiligten werden zu differenzierteren Gesprächspartnern. Wichtig ist auch, dass Moderatoren im Planungsprozess die immer wieder auftretende Planer- und Expertensprache »übersetzen« und auf Erklärungen drängen, die ohne »Fachchinesisch« auskommen.

Man hört in Beteiligungsprozessen immer wieder den Vorwurf, dass ein Moderator von vornherein in eine bestimmte Richtung denkt oder lenkt, weil er dafür vom Auftraggeber bezahlt wird.

Es fällt verständlicherweise oft schwer, zu glauben, dass ein vom Investor oder der Stadt bezahlter Moderator tatsächlich objektiv und neutral sein kann. Wird dies zum Thema, muss ein guter Moderator intervenieren und sofort offen sagen, dass er keine weiteren wirtschaftlichen Tätigkeiten rund um das geplante Projekt übernimmt, seine Aufgabe ausschließlich die Moderation ist. Das Prinzip seriöser und erfolgreicher Moderation basiert immer auf Offenheit und Transparenz. Befangenheitsargumente kommen übrigens oftmals dann auf den Tisch, wenn Beteiligte erkennen, dass das Zusammentragen und Bewerten der objektiven Fakten nicht den gewünschten Effekt hat – dass sich die eigene, subjektive Meinung also nicht durchsetzt.

Irgendwann kommt es in einem Beteiligungsverfahren zu Entscheidungen. Ist Moderation grundsätzlich »nur« Entscheidungsvorbereitung? Wie weit reicht sie in die Entscheidungsfindung hinein?

Nach meinem Dafürhalten muss Moderation neben den Bürgern als Diskutanten auch die Investoren und die Politik mit einbeziehen. Besonders Politiker sind als die von den Bürgern gewählten Repräsentanten im Stadtrat für die Entscheidung zuständig. Zu ihren Aufgaben gehört aber auch, einmal getroffene Entscheidungen gerade in städtebaulichen Entwicklungen im Lichte neuer Erkenntnisse politisch-gesellschaftlich nachzuprüfen und gegebenenfalls auch zu revidieren. Kommunalpolitiker sind selten ausgewiesene Experten für städtebauliche Entscheidungen. Das Sammeln und Abwägen von Fakten und Meinungen im Rahmen von Moderations- und Beteiligungsverfahren hilft ihnen oftmals bei ihrer politischen Entscheidungsfindung.

Zu den klassischen Moderations-Veranstaltungen wie etwa Bürgerversammlungen und Workshops gesellen sich im Bereich Partizipation immer mehr Online-Angebote. Worin sehen Sie die Chancen einer Plattform wie beispielsweise Zivilarena?

Ein großer Vorteil der neuen E-Partizipationsverfahren ist, dass man damit eine Vielzahl von Stimmen und Meinungen sammeln kann und die Diskussion sich auf die relevanten Themen fokussiert und nicht»zerfleddert«, wie es oft in herkömmlichen Beteiligungsverfahren der Fall ist. Die Vorteile für die Bürger liegen auf der Hand: Neben der persönlichen Einteilung der eigenen Zeit und Ressourcen können Bürger eine breite Diskussion mitverfolgen, die sie fachlich bereichert, vielleicht sogar begeistert. Die Beteiligten spüren unmittelbar, dass sie sich als Bürger einbringen und ihre Lebensumwelt positiv mitgestalten können. Durch die Kombination aus Online- und Offline-Beteiligung werden breite Bevölkerungsschichten erreicht. So entsteht eine Vielfalt von Meinungen, die für die Auftraggeber wichtige Erkenntnisse für die einzelnen Planungsschritte liefern und eine wirkliche Entscheidungshilfe darstellen.

Vielen Dank für das Gespräch.