Planung ist mehr als Bebauungsplanverfahren und Bürgerversammlung. Immer öfter bringen sich Künstler und Architekten mit temporären Interventionen in Planungsprozesse ein. Oft wecken solche Projekte ein großes Medieninteresse. Doch ob sie langfristig auf die Planung Einfluss nehmen, ist umstritten.

 

Längst haben die Berliner den ehemaligen Flughafen Tempelhof als riesigen Park für sich entdeckt. Doch im Juni dieses Jahres diente das einstige Flugfeld nicht nur als Parcours für Skater und als Paradies für Jogger, sondern auch als Kulturstätte: Das Theater Hebbel am Ufer bespielte im Rahmen der Installation „Große Weltausstellung“ das weitläufige Areal. Mit Theaterperformances und Klanginstallationen griffen die Künstler auf hintergründige Weise in die Debatte ein, wie der Park künftig genutzt werden soll und ob darauf tatsächlich, wie vom Land Berlin geplant, 2017 eine Internationale Gartenausstellung stattfinden soll.

Solche künstlerischen Interventionen gibt es seit einigen Jahren immer öfter. Sie finden statt »an den Schnittstellen zwischen Architektur, Stadtplanung, Kunst und Intervention«, wie es das Berliner Architekturbüro Raumlabor formuliert. Dabei, so die Verantwortlichen von Raumlabor, gehe es nicht darum, Probleme zu lösen, sondern »den Akteuren die Möglichkeit zu geben, die Stadt und ihre Dynamik zu erkennen, zu begreifen und zu nutzen«. Als »urbane Labore« bezeichnet denn auch der Berliner Kulturpolitiker Thomas Flierl derartige Aktionen.

Projekt des Theaterkollektivs andcompany&Co. im Rahmen der »Großen Weltausstellung« auf dem Tempelhofer Feld. (Foto: Christoph Gurk)

Suche nach Alternativen

Man könnte auch sagen: Es geht den Machern solcher Interventionen darum, verborgene Möglichkeiten aufzuzeigen und das Potenzial gerade auch schwieriger Orte zu heben – und zwar unabhängig sowohl von formalen Planungsprozessen als auch von konventionellen Verfahren der Bürgerbeteiligung.

Was das konkret bedeutet, illustriert ein Beispiel, das vor einigen Jahren ein gewaltiges Medienecho auslöste: 2004 fanden in dem zum Rohbau entkernten Palast der Republik in Berlin-Mitte unter dem Titel »Zwischen Palast Nutzung« zahlreiche Ausstellungen und andere Kulturevents statt.

Indem die Initiatoren an die Geschichte des bei DDR-Bürgern als Veranstaltungsort geschätzten Palasts der Republik anknüpften, klinkten sie sich in die Diskussion um die Nutzung des Areals ein, auf dem demnächst das Humboldt-Forum (äußerlich eine Nachbildung des nach dem Krieg abgerissenen Hohenzollern-Schlosses) entstehen soll. Und sie verbanden damit die Hoffnung, den umstrittenen Beschluss für den Wiederaufbau des Schlosses doch noch kippen zu können – »also etwas, was eigentlich schon beschlossene Sache war, durch die Bespielung der Lücke wieder zu thematisieren«, wie sich der Architekt Philipp Oswalt, damals einer der Protagonisten der Schloss-Kritiker und heute Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau, ausdrückte.

Dieses Projekt in Berlin-Neukölln gewann den »Urban Intervention Award Berlin 2010«. (Foto: Rolf Eusterschulte)

Stadtmarketing statt Sinneswandel

Diese Hoffnung erfüllte sich allerdings nicht. Dafür passierte etwas, womit die engagierten Stadtplaner und Theaterleute wohl nicht gerechnet hatten: Ihr Projekt schaffte es als besondere Berlin-Attraktion in den Polyglott-Reiseführer. Dass ein ursprünglich widerspenstig und kritisch angelegtes Interventionsprojekt Eingang in die offizielle Marketingstrategie finden kann, zeigt sich auch in Hamburg. In den neunziger Jahren initiierten Künstler oberhalb des Fischmarkts von St. Pauli den Park Fiction, um mit künstlerischen Mitteln gegen die geplante Bebauung der Fläche zu protestieren. Mittlerweile ist der Park im offiziellen Internet-Angebot Hamburgs unter den attraktivsten Grünflächen der Hansestadt aufgeführt.

»Vielleicht«, sagt denn auch Friedrich von Borries, »sollte man den Mythos aufgeben, eine urbane Intervention sei zwingend politisch links und subversiv.« Bestätigt sieht der Architekt und Hochschulprofessor seine These dadurch, dass das Land Berlin 2010 ganz offiziell einen Preis für solche Interventionen (»Urban Intervention Award«) auslobte. Der erste Preis ging an das Projekt »Die Stadtküche« von Daniel Unterberg und Isabell Weiland: eine mobile Küche in Berlin-Neukölln, wo jeder Interessierte öffentlich Möhren schnippeln und Suppe kochen konnte.

Auf einen solchen sozialen Austausch setzte auch das »Hotel Neustadt«, das für einen weiteren Typus dieser künstlerischer Interventionen steht: für den Umgang mit dem sich entleerenden Raum, wie er in Teilen vor allem der neuen Bundesländer zu beobachten ist. In das »Hotel Neustadt« umfunktioniert wurde ein leer stehendes Plattenbauhochhaus in Halle-Neustadt. Das Thalia Theater Halle realisierte darin zusammen mit Jugendlichen aus dem Stadtteil theatralische Installationen; man konnte im Haus aber tatsächlich auch wie in einem Hotel übernachten. Eine dauerhafte Nutzung für den Plattenbau ergab sich aus dem viel beachteten Projekt zwar nicht. Immerhin förderte es aber die Erkenntnis, dass Stadtumbau Ost mehr als nur den Abriss von Wohnhäusern bedeutet.

Wirkungsmechanismen unter der Lupe

Denkanstoß, Protest gegen Bauprojekte, Anregung zu einem anderen Miteinander oder gar unfreiwilliger Beitrag zum Stadtmarketing – künstlerische Interventionen können also unterschiedliche Wirkungen haben. Wie diese Mechanismen genau ablaufen, wird man möglicherweise bald genauer wissen: Derzeit nimmt ein von Friedrich von Borries geleitetes und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziertes Forschungsprojekt die Wirkungsweise künstlerischer Interventionen mit wissenschaftlichen Methoden unter die Lupe.