Lebendige und gleichberechtigte Beteiligung ist eine Voraussetzung für die multilaterale Gesellschaft von morgen. Aber Beteiligung braucht ihrerseits gute Rahmenbedingungen, um sich entfalten zu können. Weil die Beteiligungsmöglichkeiten so vielfältig wie ihre Teilnehmer sind, muss wirkliche Partizipation beim Einzelnen in der Auseinandersetzung mit seinem unmittelbaren Umfeld beginnen. Von da aus kann sie ihre Kreise ziehen.

 

Was haben Sportvereine, Mathelehrer, Kirchengemeinden, Wikipedia-Autoren, Bürgerinitiativen für bessere Fahrradwege, Spendengalas, Wahlkampfmanager und die Facebook-Gruppe für mehr FKK-Zonen in öffentlichen Freibädern gemeinsam? Nun, sie alle hätten gerne ein bisschen mehr Beteiligung. Oft wird auch zum synonym verwendeten Wort Partizipation gegriffen. Partizipation geht auf die lateinischen Wörter ‚pars, partis‘ und ‚capere‘ zurück, zu deutsch ‚Teil‘ und ‚nehmen, fassen‘. ‚Teilnahme’ und ‚Beteiligung‘ erscheinen daher weniger aktiv als der Begriff ,Partizipation’. Schon vom Wortsinn her umschreibt der Begriff also einen aktiven Schritt, der von einem Willen getragen werden muss. Dabei meint das Wort Partizipation im ursprünglichen Wortsinn nicht nur eine Beteiligung von Personen oder Gruppen an Aktionen, sondern auch die Teilhabe an Entscheidungsprozessen. Was sind die Voraussetzungen für eine lebendige und gleichberechtigte Partizipation, die ihrerseits Bedingung für eine multilaterale Gesellschaft von morgen ist? Wir skizzieren einige Ideen, wie gesellschaftliche Partizipation gefördert und erweitert werden kann.

 

1) Gemeinsame Gestaltung von Projekten im öffentlichen Raum

 

Projekte wie S21 haben uns gezeigt, dass man auch durch vermeintlich unkonventionelle Formen der Partizipation, wie Bürgerinitiativen, Demonstrationen, Petitionen etc., Einfluss auf Belange der Gesellschaft nehmen kann. Das Internet bietet viele Möglichkeiten, die noch unzureichend genutzt werden, Betroffene sowohl zu informieren als auch zu konsultieren. Wie ermutigen wir alle Beteiligten – Bürger, Politiker, Organisationen – Partizipationsmöglichkeiten auszuloten und nachhaltig zu nutzen? Der erste Schritt ist selbstverständlich: Eine frühzeitige, transparente Information der Betroffenen kann spätere Konflikte verhindern. Die elektronischen Kanäle bieten viele unausgeschöpfte Möglichkeiten, um betroffene Bürger auf zukünftige und aktuelle Projekte im öffentlichen Raum aufmerksam zu machen. Über bestehende Social Networks wie Facebook, Google+ und Twitter, Blogs, mobile Apps, Newsletter, SMS-Services, etc. können Informationen schnell und kostengünstig übermittelt werden. Dabei können Bürger individuell auswählen, in welchen Gebieten und zu welcher Art von Vorhaben im öffentlichen Raum sie auf dem Laufenden gehalten werden wollen. Projektvorhaben im öffentlichen Raum sollten genau so einfach auffindbar sein wie eine Postanschrift bei Google Maps. Wenn an einer Straßenecke gebaut wird, sollte es möglich sein, über eine geeignete Suchmöglichkeit schnell zu finden, wie lange die Maßnahme dauert, wer sie durchführt und was deren Zweck ist. In einem zweiten Schritt könnten Interessierte und Betroffene Stellung zu den vorgelegten Planungen nehmen. Sie erhalten damit die Möglichkeit, Ideen für die Umsetzung einzubringen. Diese Art der Partizipation lässt sich unter die Kategorie Konsultation fassen. Hier bieten sich interaktive Web-Plattformen mit Voting-Mechanismen an. Eingaben sollten möglichst niederschwellig erfolgen können, um früh einen Konsens für eine Verbesserung zu erzielen. Daran knüpft sich die Hoffnung, dass nach einem frühen prinzipiellen Bekenntnis zu einem Projekt spätere Blockaden minimiert werden.

 

2) Wissens- und Erfahrungsaustausch zwischen Kindern und Senioren fördern

 

Im intergenerationalen Wissens- und Erfahrungsaustausch werden die modernen Medien nicht nur genutzt, sondern der kompetente Umgang mit ihnen erlernt. Die Beherrschung der Technologien und die Benutzung von Kommunikationsplattformen unterstützen ältere Menschen in der effektiven Vermittlung ihres reichen und andere bereichernden Erfahrungsschatzes. Die Politik sollte in der Förderung eines konstruktiven Austauschs zwischen Kindern und Senioren zwei Hauptaufgaben verfolgen – eine kommunikative und eine gestalterische. Die kommunikative Aufgabe beinhaltet, der Gesamtbevölkerung ein Verständnis dafür zu vermitteln, dass die ältere Bevölkerung einen entscheidenden Beitrag zur materiellen und ideellen gesellschaftlichen Wertschöpfung leisten kann und zunehmend muss. Gleichzeitig soll ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass die ältere Generation von der Neugierde und Aufgeschlossenheit der jungen Generation gegenüber neuen Ideen und Technologien profitiert. Bei der gestalterischen Aufgabe geht es darum, dass die Politik auf lokaler, nationaler und evtl. auch transnationaler Ebene Angebote entwickelt, die den intergenerationalen Wissens- und Erfahrungsaustausch zwischen Kindern und Jugendlichen und Senioren fördern. Dabei sind diese Angebote als Initialzünder anzusehen, die nicht die zentralen Interaktionspunkte zwischen den Generationen darstellen sollen, sondern Lust an intergenerationaler Interaktion wecken. Ziel ist es, dass sich die Angebote mittelfristig aus individuellen oder marktwirtschaftlichen Motiven selbst tragen, so dass die Angebote auch ohne langfristige finanzielle Unterstützung durch die Politik existieren können.

 

3) Chancengleichheit für Bildungsmöglichkeiten und gesellschaftliche Teilhabe

 

Bildung ist der beste Weg zu gesellschaftlicher Unabhängigkeit und Teilhabe. Jeder Bürger sollte deshalb Zugang zu allen Bildungsmöglichkeiten haben, die vor allem die Fähigkeit fördern, sich selbstständig Wissen anzueignen, anzuwenden und weiterzugeben. Dann wird Heterogenität zu einer gesellschaftlich wertvollen Ressource. Gleichberechtigte Teilhabe kann in einer sozial und auch ethnisch heterogenen Gesellschaft nur durch Differenzierung geschehen. Das erfordert ein individualisiertes Bildungs- und Beteiligungssystem. Der Pluralismus, der im deutschen Bildungssystem bereits besteht, ist eine Stärke. Niemand kann zum jetzigen Zeitpunkt wissen, welches System das leistungsfähigste ist. Daher sollten die Landesregierungen sich weniger Gedanken darum machen, welche Schulform die beste ist, sondern Vielfalt anbieten und ihre Leistungen auf die Verbesserung und Entwicklungsmöglichkeiten der einzelnen Schulen konzentrieren.

 

4) Notwendigkeit eines teilhabenden Staatsverständnis

 

Die politischen Spielräume sind im staatlichen Handeln durch budgetäre Rahmenbedingungen begrenzt. Eine Möglichkeit, diese Beschränkungen zu umgehen, ist die Realisierung non-monetärer Austauschverhältnisse, um so die Beteiligung der Menschen an Erfahrung, Wissen, Zeit und weiteren Ressourcen zu entkapitalisieren und sie zu ermächtigen, ihre Partizipationsmöglichkeiten selbst auszuloten und zu vermehren. Damit wird eine grundlegend veränderte Form der Beteiligung verfasst, welche sich nicht an der Verfügbarkeit von Geldmitteln, sondern an der von Humanressourcen im besten Sinn orientiert. Zur Einflussnahme und Gestaltung des sozialen Umfelds durch den/die Einzelne/n gehört ein Verständnis der ethnischen Vielfalt im eigenen Land ebenso wie das Verstehen anderer Völker sowie ihrer Kultur und Lebensumstände. Die Möglichkeiten für Menschen, das Fremde als Kontrast zu erkunden und sich somit selbst in seiner kulturellen Gefasstheit zu begreifen, sollten unbedingt gestützt werden, besonders für junge Menschen. Austausch, Einbindung in Partnerschaftsprogramme und kulturell-politische Bildung sind die Basisbestandteile solcher Maßnahmen. Zu dieser Erkenntnisaktivität gehört auch das Verstehen Anderer in ihrer jeweiligen deutschen Lebenswelt, also etwa anderer Generationen, anderer sozialer und ethnischer Gruppen etc. Es wird eine essentielle Aufgabe sein, den Menschen die Erfahrungen der Anderen als eine wertvolle Ressource nahezubringen, derer sich bewusst zu werden lohnt. Neben dem Verständnis für das Leben Anderer gilt es, die Bedeutung der Eigenverantwortung zu vermitteln. Der Wille zur Beteiligung setzt den Willen zur Gestaltung voraus, nicht nur zum Empfang von Leistungen.

 

Die Partizipationsmöglichkeiten in der Gesellschaft sind so vielfältig wie ihre Teilnehmer, deshalb sollte die Förderung und Steigerung von Partizipation bei dem Einzelnen selbst und in der Auseinandersetzung mit seinem unmittelbaren Umfeld ansetzen. Von da aus kann sie ihre Kreise ziehen.

 

Dieser Text ist ein Auszug aus aus dem Thesenpapier einer Diskussionsgruppe von Ali Aslan, Jonathan Imme, Prof. Dr. Guido Ipsen, Dr. Roland Krause und Hergen Wöbken im Rahmen der "Denker für Morgen" der Konrad-Adenauer-Stiftung. Das gesamte Thesenpapier finden Sie auf der Seite des IFSE.