Stadtentwicklung unter der Maxime der Nutzungsmischung kann gelingen, wie der Dortmunder Stadtteil Hörde zeigt. Hier hat geplante Mischung ein Quartier auf die Füße gebracht und auf die Zukunft orientiert.

 

Die alten Bilder von Kohle und Stahl sind kaum aus den Köpfen verschwunden, da wird immer deutlicher auch das »neue Ruhrgebiet« sichtbar: Saubere Industrien, weitläufige Freizeitlandschaften und attraktive neue Wohngebiete belegen einen Wandel, von dem schon seit Jahrzehnten gesprochen wird. Sogar im neuen ARD-Tatort aus Dortmund sind die typischen Ruhrgebietskulissen in den Hintergrund getreten, stattdessen werden neue Grünanlagen und prägnante Immobilien gezeigt. Nur an wenigen Standorten sind die Veränderungen so deutlich zu sehen wie im Dortmunder Stadtbezirk Hörde. Lange geprägt von der Stahlindustrie und deren Niedergang schienen hohe Arbeitslosigkeit, Bevölkerungsrückgang und Perspektivlosigkeit dessen Schicksal zu sein. Noch vor wenigen Jahren glaubte kaum jemand an die Trendwende.

Doch mit dem Projekt PHOENIX kam der entscheidende Impuls: Auf dem Gelände einer ehemaligen Hochofenanlage entstand der Technologie- und Dienstleistungsstandort Phoenix-West, mit 115 Hektar eines der größten innovationsorientierten Gewerbegebiete der Region. Im Osten des Zentrums Hörde ist nach dem vollständigen Rückbau der zuvor stadtbildprägenden Hermannshütte der neue Phoenixsee entstanden, umgeben von attraktiven Wohnlagen und Büroflächen. Längst sind die Uferränder grün und immer mehr Freizeitsportler aus der Region drehen ihre Runden um das neue Gewässer. Die Baugrundstücke mit Blick aufs Wasser waren schnell verkauft und sind inzwischen weitgehend bebaut. Insgesamt entstehen rund 1.000 Wohneinheiten. Schon wächst die Einwohnerzahl des Stadtbezirks dank der positiven Außenwanderungsbilanz wieder (das ist die Summe der Zu- und Wegzüge).

Der im Osten Deutschlands nach der Wende strapazierte Begriff von den »blühenden Landschaften« trifft die Situation nicht nur auf Phoenix-West und am Phoenixsee, sondern auch im alten Zentrum von Hörde durchaus auf den Punkt: Mit jeder sanierten Fassade, jedem neuen Betrieb und einer städtebaulichen Aufwertung der Fußgängerzone steigt die Anziehungskraft der kleinen Citylage auf Filialisten und Existenzgründer aus Einzelhandel, Gastronomie und Dienstleistungen. Das Hörder Zentrum war infolge des Niedergangs der Schwerindustrie lange Zeit von Trading-Down und zunehmendem Leerstand geprägt. Nun ist Einiges in Bewegung: Der neu errichtete Bahnhof ist zugleich ein kleines Einkaufszentrum mit einem Supermarkt als Anker und setzt - wie schon zuvor das angrenzende Bezirksrathaus - auch städtebaulich eine Marke: Hier verbinden sich auf engem Raum Alltagsverkehr, Einkaufsmöglichkeiten und Kulturangebote.

Einen starken Kontrast dazu setzt der Phoenixsee, zu dem es in Verlängerung der Fußgängerzone nach dem Abriss einiger Gebäude mittlerweile eine direkte Blickverbindung gibt. In wenigen Minuten kann der neue Hafen zu Fuß erreicht werden. Hier gibt es viel zu sehen, hier lohnt es zu verweilen, hier darf man als Hörder auch ein wenig stolz sein auf das schon Erreichte. Natürlich gibt es immer noch große städtebauliche Herausforderungen:

  • Eine stark befahrene Erschließungsstraße der Dortmunder Innenstadt von Süden schneidet das alte Zentrum vom neuen Seequartier ab. An Stilllegung oder Verlegung ist bis auf Weiteres nicht zu denken, eine konsequente Querung mit Brücke oder Tunnel ist wohl aus Kostengründen nicht realisierbar, so soll die Zäsur mit guter Beschilderung und neuen Fußwegen wenigstens abgemildert werden.
  • Ein Hochbunker am frequenzschwachen Nordrand der Einkaufszone soll zum Elektrofachmarkt umgebaut werden, was bautechnische Fragen aufwirft und einige Probleme bei der verkehrlichen Erschließung mit sich bringt.
  • Nicht alle Hausbesitzer ziehen beim Facelifting mit: so wechseln sich in einigen Abschnitten immer noch frisch sanierte Altbauten mit vernachlässigten Gebäuden und unattraktiven Nutzungen wie Spielcasinos und Sonderpostenläden ab.

Aber insgesamt entsteht ein bunteres, vielfältigeres und spannenderes Stadtbild. Die neuen Wohn- und Geschäftshäuser provozieren die Alteingesessenen durchaus, mancher Traditionalist befürchtet gar einen Identitätsverlust. Es überwiegen allerdings die anerkennenden Stimmen. Viele Bürger aus den guten Wohnlagen des in weiten Teilen recht ländlichen Dortmunder Südens entdecken Hörde erstmals als Einkaufsziel – obwohl die City der westfälischen Metropole eine der stärksten in Deutschland ist und nur wenige Kilometer entfernt liegt. Mit dem Technologiepark, dem Freizeitsee und dem wieder entdeckten Zentrum entsteht in einem lange vernachlässigten Stadtteil eine neue Landschaft für Wohnen, Arbeit, Freizeit und Shopping. Sportlich, lebensfroh und wirtschaftsstark – so zeigt sich das Hörde der Zukunft.

Das Ruhrgebiet war 2010 Europas Kulturhauptstadt. Die großen Touristenevents sind vorbei, aber die neuen urbanen Qualitäten eines Stadtbezirks wie Dortmund-Hörde sind geblieben. Nicht alle werden einen See anlegen müssen, um von diesem Vorbild zu profitieren.